Sprachspiegel-Buchtipp, Okt. 2019

Wie eigenständig sind Deutsch-Varietäten ausserhalb Deutschlands?

Christa Dürscheid, Jan Georg Schneider: Standardsprache und Variation. Narr, Tübingen 2019. 96 Seiten, ab Fr. 14.30 (PDF Fr. 11.–)

«Ist es […] sinnvoll und sachlich angemessen, etwa von einem eigenständigen österreichischen und schweizerischen Standarddeutsch zu sprechen? […] Deutschschweizer Autoren setzten sich schon im 18. Jahrhundert für ihre Varianten des Deutschen ein. Aber erst mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 entwickelten sich bei den Deutschsprachigen in Deutschland, Österreich und der Schweiz in Abgrenzung vom jeweils ‹anderen› so etwas wie nationale, sprachpolitische Identitäten, und in diesem Sinne kann, wenn überhaupt, erst seitdem vom Deutschen als einer plurizentrischen […] Sprache die Rede sein.»

Ob überhaupt, ist für die Deutschschweiz (und für den «Sprach­spiegel») von besonderem Interesse. Die Autoren Dürscheid (Universität Zürich) und Schneider (Koblenz) stellen die Beschäftigung mit dieser kapitalen Frage für Kapitel 7 in Aussicht – und das heisst wie in jedem «Narr Starter»: für den Schluss. Da es hier um akademische Einführung (auch für höhere Gymnasialklassen) geht, bietet Kapitel  1 eine Definition des Gegenstands: «Wichtig ist, dass das geschriebene und das gesprochene Standarddeutsch in der modernen Wörterbuch- und Grammatikschreibung nicht – wie früher die ‹Hochsprache› oder das ‹Hochdeutsche› – als präskriptive, also vorgeschriebene, idealisierte Normgefüge, sondern als Gebrauchsstandards, als Standardvarie­täten des Deutschen angesehen werden – als diejenigen Varietäten nämlich, die wir im Deutschen auch in überregionalen, formelleren Kontexten tatsächlich verwenden und als unauffällig akzeptieren.»

Zweifel an Hannovers gutem Ruf

Es folgt das historische Kapitel 2, aus dem das Anfangszitat stammt. Zwar wird darin die Öffnung etwa des ­Duden für Varietäten nachgezeichnet, aber mit einer gewichtigen Einschränkung: dass nämlich «das ‹deutsch­ländische› oder ‹Binnen›-Deutsche in der Regel gar nicht als Varietät, sondern als neutrale, unmarkierte Grundform des Standarddeutschen wahr­genommen wurde; die österreichi­schen oder schweizerischen Merk­male dagegen wurden als Abweichungen davon gekennzeichnet».

Die Stichworte «Gebrauch» und «unauffällig» ziehen sich durch das Buch, immer wenn es um Standard in unterschiedlichen Kontexten geht. Denn auffällig kann durchaus auch Bühnendeutsch sein, wenn es im Alltag praktiziert wird. Seine Prägung «steht im Einklang mit der bis heute verbreiteten Laien-Vorstellung, in Hannover werde das ‹beste Hochdeutsch› gesprochen», wie schon Goethe urteilte. Die Autoren wenden sich gegen eine «Standard- und Homo­genitätsideologie» und gegen die darauf beruhende «Diskriminierung von Dialektsprechern sowie Sprechern mit regionalem Akzent». Sie schliessen sich einem Vorschlag an, im Germanistikstudium «die sprachhistorischen Fakten für die Grundlosigkeit des südlichen Unterlegenheitsgefühls» zu vermitteln.

Weniger Normen für Mündliches

Bei Normen und Varietäten – eigene Kapitel vermitteln die theoretischen Grundlagen – geht es nicht nur um geografische Unterschiede, sondern auch etwa um jene zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Was aus der einen in die andere schwappt, kann – in beiden Richtungen – «auffällig» werden. So wirkt «weil das ist ein Unterschied» fast nur noch in schriftlicher Form auffällig; als mündlich häufiger wer­dende Konstruktion wird es sogar im Grammatik-Duden festgehalten. Während die Linguistik beschreibt, nicht vorschreibt, ist «der Alltagsbegriff von Sprachnorm häufig auch damit verbunden, dass es im Sprachgebrauch ein Richtig und ein Falsch geben müsse». Allerdings ist nur die Rechtschreibung verbindlich geregelt.

Die geografischen Varietäten können national gesehen werden oder in «arealer» Differenzierung: feiner, aber zuweilen grenzübergreifend. So tritt sprachliches Bairisch auch in Österreich auf, in Samnaun und in Südtirol.1 Die Frage nach den «nationalen sprachpolitischen Identitäten» bleibt im Buch letztlich unbeantwortet. Das vielversprechende Kapitel 7 beschränkt sich im Wesentlichen darauf, das «Variantenwörterbuch des Deutschen» und die «Variantengrammatik» (VG) vorzustellen.

Nicht wieder aufgegriffen wird die Feststellung aus Kapitel 2, in Österreich und der Deutschschweiz würden Besonderheiten zwar «gepflegt und betont, was aber nicht unbedingt bedeutet, dass Österreicher und Schweizer von einer eigenständigen, abgrenzbaren Standardvarietät in ihren Ländern ausgehen». Entlassen wird der Leser, wie nach jedem Kapitel, mit einigen Aufgaben, so dem Besuch der VG-Website (Wegleitung: Netztipp  39 auf sprachverein.ch/links.htm).

© Daniel Goldstein (Sprachspiegel – www.sprachverein.ch)

1Zur Unterscheidung ­plurizentrisch-pluriareal stand im «Sprachspiegel» 5/2018 auf S. 143 ein Exkurs. Er ist auf der Plattform Researchgate wiedergegeben, mit einer Diskussion über Schweizerhochdeutsch (tiny.cc/pluri).