Sprachspiegel-Buchtipp, Dez. 2016

Fremdsprache Hochdeutsch?

Plädoyer für sprachliche Eigenständigkeit der Deutschschweiz

Beat Sterchi: Mut zur Mündigkeit. Vom Reden und Schreiben in der Schweiz. Edition Adhoc, Langenthal 2016. 159 Seiten, ca. Fr. 19.–.

«Mut zur Mündigkeit» nennt der Schriftsteller Beat Sterchi sein neues Buch. Also muss es eine Unmündigkeit geben, die da mutig zu überwinden wäre. Er hört sie Deutschschweizer Mündern an, sobald diese Hochdeutsch zu reden versuchen, das er als Fremdsprache versteht. «Gestandene Männer und tüchtige Frauen» gäben ein «persönlichkeits­entstellendes Stammeln» von sich, und es sei unfair, zu unterstellen, das «habe etwas mit einer Form von Muttersprache zu tun». Mündig wäre demnach, allein Schweizerdeutsch als Muttersprache zu verstehen und es ja nicht als Dialekt zu bezeichnen, denn das sei abwertend.

Dass einheimische Kinder in der Deutschschweiz mit Mundart aufwachsen, ist ja unbestreitbar, und Sterchi betont, das sei eine vollwertige Sprache, denn «alle Sprachen sind gleichwertig». Mit der Bezeichnung als Dialekt ist aber nicht zwingend eine Abwertung verbunden: Es geht um regionale Umgangssprachen, und ihre Zugehörigkeit zu einer umfassenderen Sprache ergibt sich aus gemeinsamen Wurzeln und einer gemeinsamen Hochsprache. Diese ist nicht höher an Wert oder Würde, nur eben übergreifend und so weit formalisiert, dass sie überall verstanden wird.

«Gutschweizerische Hochsprache»

Unbestreitbar ist auch, dass die Schweizer Mundarten weiter von Hochdeutsch entfernt sind und ohne soziale Unterschiede breiter verwendet werden als die meisten in Deutschland oder Österreich heimischen Dialekte, soweit es sie noch gibt. Sterchi fände es «ungemein angenehm und praktisch, man hätte so etwas wie eine eigene gutschweizerische Hochsprache, die man dem deutschen Hochdeutsch entgegenstellen könnte». Er geht aber nicht so weit, die Erarbeitung eines solchen Hochschweizerdeutsch zu verlangen – vielleicht weil er ahnt, dass dieses wiederum keine Anerkennung als Teil der Muttersprache fände, da auch es separat erlernt werden müsste. Zudem brächte es eine Abkapselung vom deutschen Sprachraum mit sich, die er keinesfalls will.

Mit Verlaub: Eine «gutschweizerische Hochsprache» gibt es schon, sie heisst «Schweizerhochdeutsch» und ihre Besonderheiten sind u. a. im gleichnamigen Duden-Band festgehalten, herausgegeben vom SVDS. Die Helvetismen, die drinstehen, gehören zur deutschen Standardsprache. Letzteren Begriff findet Sterchi «fürchterlich», und er hat recht, wenn damit eine tatsächlich von jemandem verwendete Sprache bezeichnet werden soll. Sprachwissenschaftlich ist jedoch mit Standard nicht das gemeint, sondern eine Bandbreite in Wortschatz, Aussprache und sogar Grammatik, die hochsprachlich verwendet wird, aber nicht im ganzen Sprachraum genau gleich. Das «deutsche Hochdeutsch» ist nicht das einzige, sondern Hochdeutsch gehört auch Randständigen wie uns.

Die Fremdheit abstreifen

Wir sollten es uns nicht wegnehmen lassen, sondern Hochdeutsch ebenso drauflos parlieren, wie das Sterchi bei Kindern beobachtet, die es etwa aus den Medien aufschnappen. Nur meint er, es werde ihnen in den Schulen ausgetrieben, bis hin zur «Selbstkasteiung». Falls dem so ist: Es sollte nicht so sein. Vielmehr dürfen, wie es der Autor (u. a. von «Blösch») empfiehlt, durchaus ein Gotthelf oder ein Dürrenmatt als Vorbilder für den selbstbewussten Umgang mit der Schriftsprache dienen – was offenbar heutigen Schriftstellern von den Verlagen schwer­gemacht wird. Umso lieber pflegen manche den mündlichen, mundartlich geprägten Auftritt.

Wenn Sterchi aufatmet, sobald er Hochdeutsch als Fremdsprache bezeichnen kann, so sei ihm das unbenommen. Als allgemeines Rezept scheint es mir untauglich, denn Schweizerdeutsch hat nun einmal eine engere Verbindung zu Hochdeutsch als etwa zu einer lateinischen Landessprache. Auch bei der Sprachver­arbeitung im Hirn nimmt es eine Zwischenstellung ein, wie erste Erkenntnisse eines psycho­linguistischen Forschungsprojekts an der Universität Bern zeigen. Der «Sprachspiegel» wird in einiger Zeit näher auf das Projekt eingehen.

(erschienen im «Bund», 28. 10. 2016)

© Daniel Goldstein (Sprachspiegel – www.sprachverein.ch)