Sprachspiegel-Buchtipp, August 2016

Jiddisch im Deutschen

Wo Bartli den Most holt, wie er es tut – und wozu

Christoph Gutknecht: Gauner, Grosskotz, kesse Lola. Deutsch-jiddische Wortgeschichten. be.bra Verlag, Berlin 2016. 256 Seiten, ca. 18 Franken.

Von seinem Ursprung im Mittelalter her hat das Jiddische viel aus dem Deutschen: die Grundstruktur und einen grossen Teil des Wortschatzes. Dass von den hebräischen Wörtern im Jiddischen allerhand ins Deutsche gelangt ist, wissen bei Klassikern wie «meschugge» oder «Tacheles» viele – aber was sonst noch alles dazugehört, lässt bei jeder neuen Publikation zum Thema staunen. So auch bei der Kolumnensammlung des emeritierten Hamburger Anglisten Christoph Gutknecht, deren Titel solche Beispiele vereint. Oft führt der Weg der Wörter übers Rotwelsche – die Gaunersprache, der solche für Uneingeweihte (noch) unverständlichen Ausdrücke willkommen waren.

Geschichte und Geschichten

Gutknechts «Wortgeschichten» stellen einerseits die Geschichte der einzelnen Wörter dar, mit vielen Belegen und Fussnoten recht enzyklopädisch (aber leider ohne Register), anderseits ranken sich um manche Irrungen und Wirrungen auch amüsante Geschichten. Oft verdecken Verballhornungen den ursprünglichen Sinn. So weiss Gutknecht nicht nur, wo Barthel/Bartli den Most holt, sondern auch wie und wozu: mit dem Brecheisen (Barsel/Bartel, ungenannten Ursprungs*) und zum Ausgeben, denn gemeint sei Geld (hebr. Ma’oth, Münzen, vgl. «Moos», «Mäuse»). Derlei Geschichten stecken auch hinter den Ausdrücken Hals- und Beinbruch, Pustekuchen, kiebitzen, betucht, saure Gurken. Ebenso, wenn mit etwas Essig ist – zum Beispiel mit der oft gehörten Erklärung, der «gute Rutsch» komme vom hebräischen Neujahr, Rosch Haschana: Vielmehr wurde mit Rutsch scherzhaft eine Reise bezeichnet.

Ist «taff» das neue «dufte»?

Es braucht nicht unbedingt eine Verballhornung, um ein hebräisches Wort deutsch klingen zu lassen. So erklären Gutknecht und von ihm zitierte Gewährsleute «Zoff» mit «sop» (Ende) via Jiddisch «Sof», auch fürs Ende einer Beziehung. Und «Kaff» kommt demnach, wenn auch unsicher belegt, von «kefar» (Dorf). Sogar im modischen «taff» ist für den Autor nicht das englische «tough» wiedergegeben, «sondern eher das alte jiddische ‹toff› wiederbelebt». Dass das zugrundeliegende hebräische «tow» (gut) hinter dem berlinischen «dufte» samt Nebenform «tofte» stecke, «gilt weithin als gesichert».

Einem Wort jiddische Herkunft zu bescheinigen, mag manchmal einen Anflug von Chuzpe benötigen. Diesem zwiespältigen Ausdruck für abscheuliche oder bewundernswerte Dreistigkeit gilt eine besonders tiefschürfende Glosse Gutknechts. Er krönt sein kenntnisreiches Buch mit einem Essay über Geschichte und heutige Stellung des Jiddischen mit Bezug aufs Deutsche: «Mir sayen wider do.»

© Daniel Goldstein (Sprachspiegel – www.sprachverein.ch)

* hebr. «barsel» = Eisen