Sprachspiegel-Buchtipp, Juni 2016

Bücherbrett: Frankreichs Sprachpolitik

Engagiertes Plädoyer für ein zweisprachiges Elsass

Pierre Klein. Das Elsass verstehen: zwischen Normalisierung und Utopie. Allewil-Verlag, Fegersheim, 2. Auflage 2015. 269 Seiten, ca. 24 Franken.

Wer sich vertieft mit der (sprach-)politischen Geschichte des Elsass beschäftigen möchte, ist mit diesem Buch eines unermüdlichen Vorkämpfers der Zweisprachigkeit gut bedient. Zudem bietet es in geraffter Form einen Überblick über kulturelle Leistungen der Region im oberrheinischen Gefüge. Vor allem aber erschliesst es tiefere Dimensionen der schwierigen Stellung dieses Randgebiets in Frankreich: Fragen des Staatsverständnisses und der Identität(en).

Klein leuchtet aus, wie schon vor der Französischen Revolution, vor allem aber durch diese eine Sprachnation geschmiedet wurde, die sich ganz grundsätzlich nicht mit Vielfalt verträgt. Konnten sich die Elsässer bis zum Zweiten Weltkrieg auch in Zeiten französischer Herrschaft eine ­gewisse kulturelle, mit deutscher Hochsprache und Dialekt verbundene Eigenständigkeit bewahren, so wurde diese Facette ihrer Identität durch das Naziregime gründlich diskreditiert – sodass danach Deutsch zunehmend zur Fremdsprache gemacht wurde und der von der Hochsprache abgeschnittene Dialekt zur «Sproch füer nix».

Identität in mehreren Kreisen

Bemühungen, Deutsch in der Schule breiteren Raum zu verschaffen, greifen für Klein zu kurz: Es ginge ihm vor allem darum, Geschichte und Kultur so zu unterrichten, dass eine elsässische Identität innerhalb der französischen und der europäischen greifbar würde. Daraus ergäbe sich dann auch die «Lust auf die Sprache». Stattdessen sieht er, gerade auch bei den Intellektuellen, eine – aus historischen Traumata genährte – Unterwerfung unter den französischen Einheitsanspruch.

Seine psychologischen Überlegungen sind nicht ganz einfach nachzuvollziehen – paradoxerweise auch deshalb, weil der Autor in französischen Denk- und Ausdrucksweisen geschult ist, die in deutscher Übertragung sperrig wirken. Im heutigen Zustand, wie ihn Klein beschreibt, wirkt er als Rufer in der Wüste. Wenigstens ist er kein einsamer: Im Buch sind Aufrufe für eine Sprachencharta und für eine föderalistische «Erneuerung der französischen Demokratie» abgedruckt, von Tausenden mitunterzeichnet (www.ica2010.fr).

© Daniel Goldstein (Sprachspiegel – www.sprachverein.ch)