Sprachspiegel-Buchtipp, Dez. 2014

«Der Stoff, aus dem das Denken ist»

Ein Buch1 untersucht, «was die Sprache über unsere Natur verrät»

Von Daniel Goldstein

Diese 608 Seiten geben viel zu denken, und so soll es auch sein: Der kanadisch-amerikanische Psychologe Steven Pinker entwirft anhand der Frage, «was die Sprache über unsere Natur verrät», ein breit angelegtes Menschenbild. Und weil er das naturgemäss mit sprachlichen Mitteln tut – von einigen Grafiken abgesehen –, ist die Lek­türe trotz vielen ­anschaulichen Beispielen immer auch eine Denkübung. Dem ­Rezensenten kam das erste substanzielle Kapitel vor wie der Berg aus Pflaumenmus, durch den man sich ins Schlaraffenland hindurchfressen muss. In der Metaphorik des Autors heisst es «Hinunter ins ­Kaninchenloch», was ja auch eine beschwerliche Übung ist, und dann gelangt man, wie Alice bei Lewis Carroll, ins Wunderland.

So oder so ist es ein wundersames Schlaraffenland, in das Pinker einen entführt, und es wird in der Übersetzung noch wundersamer. Denn so, wie dem deutschsprachigen Leser vielleicht eher das Schlaraffenland als «Alice im Wunderland» in den Sinn kommt, verhält es sich auch mit vielen andern Metaphern und sprachlichen Konstruk­tionen. Deshalb hat Martina Wiese bei der Übersetzung des schon 2007 auf Englisch erschienenen Werks eine wahre Nachschöpfung vollbringen müssen, indem sie bei Abweichungen meistens den Sachverhalt in beiden Sprachen schildert und damit hilft, hinter scheinbar Selbstverständlichem im sprachlichen Ausdruck verborgene Strukturen zu ergründen.

Die alte Streitfrage unter Gelehrten, ob sich das Denken in verschiedenen Sprachen grundsätzlich unterscheide, ist freilich für Pinker schon entschieden: Er findet im Prinzip wie Noam Chomsky, «dass Kinder mit einer angeborenen Universalgrammatik ausgestattet sein müssen, [der] alle menschlichen Sprachen gehorchen». Das brauche gar nicht so kontrovers zu sein, «weil die Logik der Induktion gebietet, dass Kinder von vornhe­rein gewisse Annahmen über die Natur der Sprache machen, damit sie überhaupt in der Lage sind, eine Sprache zu lernen. Die einzige echte Kontroverse betrifft die Frage, woraus diese Annahmen bestehen» – ob nur «aus einem Mechanismus zum Auffinden einfacher Muster» oder aus detaillierteren Ansätzen für ein Regelsystem.

Woran wir uns orientieren

Um dieser Frage nachzugehen, bedient sich der Autor einer breiten Palette empirischer Forschungen, nicht nur zum kindlichen Sprach­erwerb, sondern auch zur Verhaltenspsychologie und zu den Hirnfunktionen: zum ganzen Wunderland der menschlichen Natur eben. Oft geht er von entgegengesetzten, radikalen Hypothesen mancher Linguisten und Psychologen aus, um einen goldenen Mittelweg zu finden. So stellt er den «extremen Nativismus», gemäss dem das Menschlein mit 50 000 Konzepten im Kopf zur Welt kommt, einer «radikalen Pragmatik» entgegen, für die es nicht nur keine angeborenen «geistigen Repräsentationen von Wortbedeutungen» gibt, sondern überhaupt keine permanenten Bedeutungen, sondern immer nur aus der jeweiligen Sprechsituation entstehende.

Pinker dagegen bekennt sich zur «konzeptuellen Semantik», gemäss der «die Bedeutungen von Wörtern und Sätzen Formeln in einer abstrakten Sprache des Geistes» sind. Er grenzt sich damit auch vom «sprachlichen Determinismus» in der Tradition von Sapir und Whorf ab. Kronzeugen dieser Theorie, wonach jemandes Muttersprache auch die Sprache seines Geistes sei oder diese zumindest massgeblich präge, sind die Eskimos mit ihren angeblich ungeheuer vielen Wörtern für verschiedene Arten von Schnee. Das sei ohnehin nur eine – der Zählweise geschuldete – Halbwahrheit und obendrein anders zu erklären: damit, dass Schnee im Leben der Eskimos wichtig sei. Die (etwa von Guy Deutscher im Buch «Im Spiegel der Sprache» angeführte) Benennung von Farben lässt Pinker zwar als Beispiel gelten, «wie Sprache das Denken be­einflusst», aber es sage «wenig über logische Erwägungen zu Problemen, für die es tatsächlich eine korrekte Antwort gibt».

Keine allein korrekte Antwort gibt es bei der Aufgabe, drei Gegenstände von einem Tisch wegzunehmen und beim gegenüber­liegenden Tisch «genau so» hinzulegen. Wer sich an links und rechts orientiert, weil es in seiner Sprache so üblich ist, wird «genau so» genau andersherum verstehen als jemand, der sich an den Himmelsrichtungen orientiert. In der Abbildung oben (aus dem Buch) ist a) die «Lösung» von Tzeltal-Indigenen aus Mexiko und b) jene von ­Niederländischsprachigen. Pinker erklärt den Unterschied, wie beim Schnee der Eskimos, auch mit den Lebensumständen; im abgebildeten Beispiel damit, dass die Tzeltal sich an einem mächtigen Berghang orientieren (vgl. www.sprachverein.ch/sprachspiegel_pdf/Sprachspiegel_2014_6.pdf). Das bedeutet aber nicht, dass es ihnen aufgrund ihrer Sprache unmöglich wäre, sich nach dem Links-rechts-Schema zu richten. Umgekehrt können Europäer die Himmelsrichtungen benutzen, nur haben sie diese weniger gut im Kopf.

Ein besonders faszinierendes Kapitel widmet der Autor der Art und Weise, wie wir über Materie, Raum, Zeit und Kausalität reden – alle vier verbunden durch (konkrete oder abstrakte) Bewegung. Er kommt zum Schluss, dass alle diese Grössen unbesehen der jeweiligen Muttersprache «gemäss menschlichen Zielen gemessen werden». Unsere subjektiven Einteilungen von Raum und Zeit etwa richten sich nach Entfernungen, die einen Unterschied ausmachen. Etwas banaler als im Buch gesagt: Wie «weit» das Ziel weg ist, kommt aufs Transportmittel an; wir sind «im» Auto, auch wenn ein Arm aus dem Fenster hängt – solange er mitkommt; wie «lang» die Fahrt dauert, hängt auch von ihrem Unterhaltungswert ab. Wissenschaftliche Messgrössen sind etwas anderes und lassen sich heute entsprechend schwer mit alltäglichen Begriffen erklären. Immerhin seien sie durch Sprache und Denken entstanden, meint der Autor zum Trost darüber, «dass die Grundfesten des gesunden Menschenverstands bloss Designspezifikationen eines unserer Organe sind». (Im Buch steht «die Grundfeste»; ein hübscher Fehler im sonst – bis auf einige Übersetzungsprobleme – sorgfältig edierten Werk.)

Metaphern als Schlüssel

Tief ins Denken lassen Metaphern blicken; Pinker geht das Thema wiederum kontradiktorisch an. Der «Messias» der Metapher ist für ihn der Linguist George Lakoff, der geschrieben hat: «Unser alltägliches Konzeptsystem, nach dem wir sowohl denken als auch handeln, ist im Kern und grundsätzlich metaphorisch.» Demnach lernen wir, dass Herrschaft «oben» hockt wie der Sieger im Ringkampf oder dass wir (auch abstrakte) Ziele erreichen, indem wir uns auf sie ­zubewegen. Und die Art, wie wir etwas wahrnehmen, hängt von der Metapher ab, mit der es uns präsentiert wird (zum Beispiel in Umfragen, die je nach Formulierung unterschiedliche Resultate ergeben. Gegen den «­Messias» lässt der Autor einen (nicht namentlich festgemachten) «Spielverderber» antreten, der nachweist, dass viele Metaphern nur «Lippen­bekenntnisse» sind, bei denen man nicht mehr an den Ursprung denkt und sich auch nicht von diesem beeinflussen lässt. Das Fazit liegt auch hier in der Mitte: Metaphorik sei «ein Schlüssel zum Verständnis von Denken und Sprache», aber die «eigentliche Währung des Denkens» stecke nicht in, sondern hinter ihr, in abstrakteren Elementen wie Ursache, Ziel oder Veränderung.

Noch spannender wird es, wenn wir bewusst mit verschiedenen Lesarten einer Äusserung spielen, etwa eine Bitte so verpacken, dass der Adressat sie auch überhören kann, ohne dass wir deswegen beleidigt zu sein brauchen. Das Kapitel darüber gleicht dem erneuten Verschlingen von schmackhaften, aber hochgetürmten Pflaumenmus beim Verlassen des Schlaraffenlands. Indirekt formulierte Äusserungen bewegen sich nach Darstellung des Autors in den Zwischenbereichen verschiedener Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen, grob eingeteilt in autoritäre, gemeinschaftliche und auf Tauschhandel gerichtete. Peinlichkeiten ergeben sich, wenn Sprechende und Angesprochene das Gesagte gemäss unterschiedlichen Beziehungsmustern interpretieren. Gezeigt wird das unter anderem am Beispiel eines erwischten Verkehrssünders, der entweder den Bussenzettel hinnimmt oder aber versucht, den Polizisten zu bestechen, einmal offen, einmal indirekt, etwa mit einer Banknote im Fahrausweis, den er hinstreckt. Je nach Neigung des Ordnungshüters ergibt sich Folgendes (Tabelle aus dem Buch):


unredlicher Polizist

redlicher Polizist

nicht bestechen

Strafzettel

Strafzettel

bestechen

kein Strafzettel

Haft wegen Bestechung

implizit bestechen

kein Strafzettel

Strafzettel



Mehrdimensionale Wortklassen

Damit sind wir wieder voll im Pflaumenmus, denn schon beim Ein­arbeiten ins Wunder- oder Schlaraffenland hat Pinker mit derartigen Einteilungen operiert, um zu erklären, warum bei bestimmten Verben manche Konstruktionen als grammatisch richtig, andere als falsch empfunden werden. Gemäss seiner Darstellung gehören Verben bestimmten «Mikroklassen» an, welche die Konstruktionsmöglichkeiten vorgeben. Kinder sind offenbar fähig, solche Mikroklassen unbewusst zu erkennen und dann keine Anfängerfehler mehr zu machen wie «Mama hat Haare in den Abfluss verstopft». Die Einteilung ist mehrdimensional, lässt sich also nicht mehr mit einer Tabelle wiedergeben; nicht einmal ein Würfel würde ausreichen. Auch weichen die Mikroklassen in verschiedenen Sprachen voneinander ab; bei der Fein­einteilung kapituliert die Übersetzung. Anhand der englischen Verben to hit, cut, break, touch wird demonstriert, wie sich die Zugehörigkeit auf die Konstruktionsmöglichkeiten auswirkt: Jedes gehört einer oder mehreren der drei Mikroklassen «Bewegung, Kontakt, Effekt» an; keine zwei dieser Verben sind in der Zugehörigkeit deckungsgleich. Darum weisen auch keine zwei die gleiche Auswahl an konstruktiven «Alterationen» auf, die hier nicht ausgebreitet, sondern nur beim Namen genannt werden können: «Konativ, Possessor-Anhebung, Kontakt-Lokativ, Mediopassiv, Antikausativ».

Man sollte sich vor solchen Höhenflügen (oder Tiefenflügen durch Alicens Kaninchenloch) nicht abschrecken lassen, und man braucht sie auch nicht im Detail verstanden zu haben, um die Schlussfolgerung einleuchtend zu finden, die Pinker auch auf die Arbeit vieler anderer von ihm zitierten Gelehrten stützt: «Kants Version des Nativismus, wonach der menschliche Geist von vornherein mit abstrakten strukturierenden Rahmen, aber noch nicht mit konkretem Wissen ausgestattet ist, ist die tragfähigste Theorie unserer Tage. Sie findet sich beispielsweise in der Chomsky’schen Linguistik. […] Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, dass Kant eine sich abzeichnende Lösung für die Vererbung-oder-Erziehung-Debatte vorhersah: Beschreibe die wie auch immer geartete Organisation von Erfahrungen, die sinnvolles Lernen ermöglicht.» Auch diese Formulierung ist, trotz der Nähe zu Chomskys umstrittener Universalgrammatik, so etwas wie ein goldener Mittelweg.

© Daniel Goldstein (Sprachspiegel – www.sprachverein.ch)

1Steven Pinker: Der Stoff, aus dem das Denken ist. Was die Sprache über unsere Natur verrät.
S. Fischer, Frankfurt am Main 2014. 608 Seiten, ca. Fr. 38.–