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Sprachlupe 367, 24. 2. 2024

Sprachlupe  selber unter die KI-Lupe genommen

Die meisten Rechtschreibfehler sind nicht interessant. Doch manche sind lustig und lehr­reich. Zum Beispiel: "Der Mittelfeldspieler hat seinen Fehler gut gemacht." Dieser Satz könnte Verwirrung stiften. Hat der Spieler seinen Fehler auf dem Spielfeld gut ausgeführt? Vielleicht hat er seinen Fehler dieses Mal besser gemacht als zu­vor.

Der Bericht zeigt, der Spieler hat zunächst versagt, indem er einen Ballverlust hatte, der zu einem Gegentor führte. Aber dann hat er selbst den Ausgleichstreffer erzielt. Er hat seinen Fehler wieder­gutgemacht. Das zusammen geschriebene Verb "gutgemacht" blieb seit der Rechtschreibreform von 1996 unverändert. Doch die Reform führte auch dazu, dass andere Wörter jetzt getrennt werden. Das führt oft zu Fehlern, nicht im Fußball, sondern in Berich­ten darüber.

Die Reformsprache war manchmal verwirrend. Sie verlangte, "wohl" in Zusammensetzun­gen zu trennen. Das kann missverständlich sein. Seit 2006 darf "wohlbekannt" wieder zusam­men­geschrieb­en werden. Aber "wohl bekannt" ist auch korrekt, je nach Kontext.

Das Gleiche gilt für "meist verehrten" Fußballspieler. Getrennt geschrieben, könnte es missver­ständlich sein. Der Spieler könnte am meisten verehrt werden, oder es könnte bedeuten, dass er oft verehrt wird.

"Wiedergutmachen" wird zusammen geschrieben, ähnlich wie "gutmachen", aber das wur­de erst 2006 so festgelegt. Die Betonung spielt hier eine Rolle, wie der Duden erklärt. In un­serem Beispiel liegt die Betonung auf "gut", nicht auf "wieder". Wer "wieder gutmachen" schreibt, macht wahr­scheinlich keinen Fehler.

Diese neue Version der «Sprachlupe» «Sprachlupe» vom 10.2. (erste Hälfte) stammt von der deutschen Kursanbieterin Wortliga. Sie will Behörden und Organisationen helfen, sich klarer zu äussern, denn: «Mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das 2025 in Kraft tritt, wird einfach verständliche Sprache zur Pflicht.» Dieses deutsche Gesetz, so scheint mir, hätte mit seinem eigenen Namen einen Anfang machen können. Gibt man den Satz aus dem Newsletter der Wortliga in ihrer Online-Textanalyse ein, so machen farbige Balken auf drei Probleme aufmerksam: den langen Namen des Gesetzes, das angebliche Füllwort einfach und das vielleicht entbehrliche Adjektiv verständlich (siehe Bild).

Selbstanalyse von Wortliga-Texten. Unterstrichen sind Wortwiederholungen.

Der Mauszeiger offenbart an den markierten Stellen eine kurze Problembeschreibung. In einem Kästchen (nicht abgebildet) stehen verschiedene Bearbeitungsangebote. Die sind aber nur in einer Bezahlversion zugänglich, ab 22.70 Euro pro Monat.

Eine Gratis-Ausnahme gibt es derzeit, auffindbar in der Menu­leiste oben, beim Aufklappen von «Textanalyse»: Plain Language Tool. Dieser «KI-Übersetzer für Einfache Sprache, inklusive Verbesserung von Rechtschreibung, Grammatik und Stil» vereinfacht den Satzbau, bietet Varianten an, lässt aber «Barrierefreiheitsstärkungsgesetz» unzerlegt. Die «Einfache Sprache» beruht auf dem Hamburger Verständlichkeitskonzept und ist nicht genau reglementiert, im Unterschied zur Leichten Sprache für Leute mit Leseproblemen. Bei der Textanalyse wird das Sprachniveau des eingegebenen Texts ermittelt. In der «Sprachlupe» war es bei «mittlerer Lesbarkeit» Niveau C 1 (fortgeschrittene Kenntnisse) und wurde bei der Ausgabe auf B 1 (Mittelstufe) gesenkt; die Lesbarkeit blieb im mittleren Bereich. Im Bezahlmodus kann man das Zielniveau wählen.

Fehler eingebaut

Was die Textanalyse bei der «Sprachlupe» bemängelt, ist auf dem unteren Bild zu sehen (Farblegende im ersten Bild). Die anschliessend erstellte KI-Übersetzung liefert nach einigen Sekunden den eingangs kursiv gedruckten Text nahezu fehlerfrei in Satzbau und Rechtschreibung. Zweimal steht aber verschlimmbessert «zusammen geschrieben», während das richtige «zusammengeschrieben» nur einmal durchgekommen ist. Weggelassen ist alles, was nicht direkt mit dem Kernthema «getrennt oder zusammen» zu tun hat. Damit entfallen beinahe alle Bezüge aufs Lese-, Schreib- oder Fussballerlebnis. Und es schleichen sich sachliche Fehler ein. Dass das Verb gutmachen «seit der Rechtschreibreform von 1996 unverändert» geblieben ist, stimmt zwar – aber es war auch bei der Reform nicht verändert worden. Da war die KI offenbar mit dem Ausdruck «schadlos überstanden» überfordert (vgl. Schluss des Kastens «Wolf Schneider» unten).

Sachlich falsch ist die Behauptung in der «Sprachlupe» à la KI, «je nach Kontext» sei wohl bekannt auch korrekt. Der springende Punkt im Originaltext ist gerade, dass die amtlichen Regeln die Getrenntschreibung immer gelten lassen – also auch dann, wenn mit wohlbekannt die allgemeine Bekanntheit gemeint ist und nicht die Vermutung, die Sache sei wohl bekannt. Für meist verehrt gilt nicht, wie die KI formuliert, «das Gleiche», denn dieser Ausdruck wird seit je nur dann getrennt geschrieben, wenn «meistens» gemeint ist, nicht «am stärksten». Und wiedergutmachen ist nicht «erst seit 2006» korrekt, sondern war es schon vor 1996, nur zwischen den beiden Terminen nicht.

Ein Stück «Sprachlupe» unter der Lupe der Wortliga.

Einige der Mängel in der ersten KI-Übersetzung (eingangs kursiv) sind bei späteren Versuchen verschwunden, es traten aber auch neue auf. Mehrmals hat die Genauigkeit gelitten. Die kann aber wichtig sein, gerade auch bei behördlichen Mitteilungen, auf welche die Wort­liga besonderen Wert legt. Die Kunst, Feinheiten einfach, aber richtig wiederzugeben, muss ihre KI also noch lernen. Die Wortliga betont denn auch in ihrer Gebrauchsanweisung (im ersten Bild): «Das Tool hilft, ersetzt allerdings nicht das Vier-Augen-Prinzip, z. B. den Blick eines erfahrenen Redakteurs. Man hat es damit leichter, Texte zu verbessern und zu kürzen.»

Streicheleinheit von «Wolf Schneider»
Eine andere neue Textüberprüfung ist mit der letzten «Sprachlupe» schonender umgegangen als jene der Wortliga: die Wolf-Schneider-KI. Sie verlangt eine Anmeldung und ist für die ersten 10'000 Anschläge gratis. Dann kosten 200'000 Anschläge 5 Euro; für noch grössere Mengen gibt’s Rabatte. Die KI ist auf Chat GPT aufgebaut. Sie wird von der Reporterfabrik angeboten, einer «Webakademie des Journalismus», die mit dem «gemeinwohlorientierten Medienhaus» Correctiv verbunden ist.
Der Namenspatron Wolf Schneider, 2022 mit 97 Jahren gestorben, war als Autor und Ausbildner ein begnadeter Sprachpfleger. Seine Ratschläge sind in die KI eingeflossen. Diese liefert eine Analyse und eine überarbeitete Version des eingegebenen Texts, je nach gewähltem Verwendungszweck unterschiedlich. Mein Text erfuhr nur geringfügige Änderungen, nicht bei jedem Versuch genau dieselben.
Jedes Mal wurde aber ein Wort bemängelt: «… die Rechtschreibreform von 1996 schadlos überstanden». Ich hatte schadlos geschrieben, da ich unbeschadet nur im Sinn von ungeachtet für richtig hielt. «Wolf Schneider» schreibt hier aber just unbeschadet und hat den Duden auf seiner Seite. Der lässt nur die Redensart «sich schadlos halten» gelten und nennt für unbeschadet in der Online-Version auch die Bedeutung «ohne Schaden zu nehmen».
Zu meinem Trost: Das Digitale Wörterbuch bezeichnet diese Verwendung als «veraltend». Ein weiterer Trost: Beim ersten Anlauf bekam ich von der KI eine durchzogene Analyse, beim zweiten Mal, ohne etwas geändert zu haben, eitel Lob (siehe Anhang). Dazwischen hatte ich die 5 Euro bezahlt, aber daran lag’s hoffentlich nicht.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)