Sprachspiegel Okt. 2011

Wo die Mundart keine Selbstverständlichkeit ist

Das welsche Wallis und benachbarte Gebiete wehren sich gegen das Aussterben des frankoprovenzalischen Patois

Von Daniel Goldstein

Wenn in einem Deutschschweizer Kantonsparlament Mundart erklingt, so ist das je nach Kanton die Regel oder wenigstens nichts völlig Unerhörtes. Anders in mehrsprachigen Kantonen, wo es auf Dolmetscher und Ratskollegen Rücksicht zu nehmen gilt. Anders aber auch in der ganzen Romandie, wo die althergebrachte Mundart, das Patois, zur Rarität geworden ist. So fiel denn auch jener Walliser Député gehörig auf, der letztes Jahr «I tchyèbra de Mûchyû Cheguyën» vorzulesen begann. Damit brachte er nicht nur die Deutschschweizer, sondern auch die meisten welschen Abgeordneten in Verlegenheit: Sie griffen, wie die NZZ berichtete, scharenweise zu den Kopfhörern, um Alphonse Daudets Geschichte von der «Ziege des Herrn Séguin» besser mitzubekommen. Denn daraus las der Kollege vor – in einer Variante des Patois, wie es in einigen Walliser Tälern manche älteren Leute noch sprechen und neuerdings vermehrt auch wieder einige jüngere.

Der Rat hatte der Regierung ein Postulat überwiesen, in dem es hiess: «Das Patois ist noch nicht tot, aber wir müssen uns ernsthaft um diesen im Sterben liegenden (Patienten) kümmern» – auf dass der Dialekt nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft habe. Derartige Vorstösse hatte es im Lauf der Jahrzehnte ab und zu gegeben, und sie hatten sogar zu «allerlei Aktionen» geführt. Aber diese seien «grösstenteils leider folgenlos geblieben», beklagten die Postulanten. Deshalb forderten sie Unterstützung für Volkshochschulkurse, freiwilligen Patois-Unterricht (ausserhalb des Stundenplans) in den Schulen, Einbezug von Mundartwörtern in die Heimatkunde, entsprechende Lehrerbildung, Stärkung der Mundartvereine und die Jugend ansprechende Patois-Inhalte in den Medien.

Regierung gibt Schulen keinen Auftrag

Damit gab das Parlament ziemlich genau das Programm des Conseil du Patois wieder, des 2008 von der Regierung ins Leben gerufenen Impulsorgans; es arbeitete mit dem Dachverband der gut zwanzig Sprach- und Theatervereine zusammen und ist dieses Jahr von einer breiter abgestützten Stiftung abgelöst worden. Damit sieht die Kantonsregierung, wie sie in ihrer Antwort aufs Postulat schrieb, die Förderung der Mundart auf gutem Weg. Die Pflege des Patois müsse aber auf Freiwilligkeit beruhen, auch im Unterricht. Einen besonderen Auftrag dazu wollte der Staatsrat den Schulen nicht erteilen.

Bernard Bornet, ehemaliger Präsident der Kantonsregierung, steht der «Fondation pour le développement et la promotion du patois francoprovençal en Valais» vor und berichtet begeistert, was schon alles unternommen wurde. So sind mehrere CDs mit Liedern und Geschichten erschienen, darunter eben die Übersetzung der «Chèvre de Monsieur Séguin». Die gibts gleich in drei Varianten samt gedrucktem Text: in den Patois von Evolène, Nendaz und Troistorrents. Die Schulkinder der drei Gemeinden haben sie geschenkt bekommen. Weitere Versionen sind in Vorbereitung, so fürs Val de Bagnes, Hérémence und Savièse. Evolène, hinten im Val d'Hérens, ist die Hochburg des Patois: Dort spricht laut einer Umfrage von 2005 eines von drei Primarschulkindern zu Hause Mundart. Über die bekannteste Talbewohnerin, die schwarze Eringerkuh, gibts eine Fernsehsendung auf DVD: «Y paï âvoue é âtse chon méytre»: Das Land, wo die Kühe Königinnen sind.

Junge «entdecken» Patois

Nun hat in Évolène eine Gruppe junger Leute das Patois als Besonderheit sowie wichtigen Teil des Heimatgefühls entdeckt und sich seiner Pflege verschrieben. Der Zeitung «Le Temps» sagte einer von ihnen, der 20-jährige Claudy Pannatier: «Mit dem Patois ist es wie mit den Eringerkühen»; gesamtschweizerisch kaum von Belang, «aber wer davon angesteckt ist, setzt sich trotzdem dafür ein». Das habe der junge Mann, so merkt der Reporter an, in elegantem Französisch ohne Dialektfärbung gesagt, dabei habe er die Hochsprache erst in der Schule gelernt. Und als in der Sekundarschule ein Lehrer ihn und seine Kollegen aus dem Dorf ermahnt habe, auch in der Pause Französisch und nicht ihre Muttersprache Patois zu reden, habe der Schüler Pannatier aufgemuckt: «Bei den Albanern hat er nichts gesagt.»

Aber auch mit manchen Dorfgesellen geht der Dialekt-Vorkämpfer hart ins Gericht: Es sei Mode geworden, mit einzelnen Patois-Brocken um sich zu werfen, ohne die Mundart wirklich zu beherrschen. Haarsträubend findet das der junge Mann, der sich die Mühe genommen hat, die im Elternhaus erworbene Muttersprache in langen Gesprächen mit der älteren Generation weiter zu pflegen. Ab November werden in der Primarschule von Évolène freiwillige Patois-Kurse angeboten.

Einst von der Schule verbannt

Im übrigen Kantonsgebiet gibt es laut Andres Kristol, Dialektologie-Professor an der Universität Neuenburg, keine Schulkinder mehr, die auf dem Pausenplatz Patois reden. Dabei müssten sie heute kaum noch befürchten, einen Verweis oder gar eine Strafe zu bekommen, wie das früher üblich war. «Das Patois wurde von der Obrigkeit abgewürgt», erzählt Bornet, denn man habe gemeint, nur mit gutem Französisch gebe es gute Schüler. Sein Vater sei Lehrer gewesen und habe zwar mit der Mutter Patois geredet, nicht aber mit den Kindern, und schon gar nicht in der Schule. Dort, aber in der Pause, lernte es dann der kleine Bernard – und später pflegte er die Mundart mit seinen eigenen Kindern, heute redet er sie mit den Enkeln.

Zeigte ein Sprachatlas von 1966 noch Mehrheiten von Patois-Sprechenden auch unter jüngeren Leuten in vielen ländlichen Gemeinden der katholischen Westschweizer Gebiete, so war ihr Anteil bis 1990 stark zurückgegangen: auf 4,7 Prozent im Wallis, 3,3 in Freiburg, 2,5 im Jura. Noch kleinere Minderheiten in den anderen Kantonen gaben an, Patois zu sprechen, doch vermutet der Dialektforscher Kristol, diese Leute hätten ihr regional gefärbtes Französisch mit dem (dort bereits verschwundenen) Dialekt verwechselt. Bei der Volkszählung von 2000 – der letzten, welche die Mundartkenntnisse erhob – war der Anteil der «patoisants» noch geringer: Im Wallis etwa 3 Prozent der Bevölkerung im französischsprachigen Kantonsteil.

Glossar als Museum?

Nach Kristols Darstellung setzte die Verdrängung des Patois schon früh im 19. Jahrhundert ein: «Französisch galt als Sprache des Fortschritts.» Und das bewirkte, als der Bundesstaat die Niederlassungsfreiheit brachte, die schnellere Assimilierung sowohl unter den Romands als auch bei Zuziehenden. In der Deutschschweiz wiederum gewann gemäss dem Professor das Hochdeutsche erst gegen Ende des Jahrhunderts Boden. Diese Tendenz endete mit dem Abwehrreflex gegen den Nationalsozialismus: «Hitler hat das Schweizerdeutsch gerettet.»

Nach dem Vorbild des «Schweizerischen Idiotikons» wurde 1899 auch ein grosses französisches Dialektwörterbuch in Angriff genommen, das «Glossaire des Patois de la Suisse romande». Bis 1920 wurden, wie Kristol berichtet, auf Millionen von Zetteln alle aufgefundenen Wortvarianten festgehalten. Die Auswertung zum Wörterbuch ist inzwischen bis zum Buchstaben G gediehen. Der Professor befürchtet, das Glossar werde dereinst nur noch als sprachliches Museum dienen: «Damit eine Sprache lebendig bleibt, muss sie eine soziale Funktion erfüllen.» Eine solche Funktion behielte die Mundart für den Dialektforscher bestenfalls dann, wenn alle Grosseltern, die sie noch beherrschten, mit den Enkeln nichts anderes redeten. Mit den Bemühungen in Schulen und Vereinen allein, «so unterstützungswürdig sie sind», lasse sich die Sprache nicht lebendig erhalten. Kristol sieht den Versuch, das Patois zu retten, als Teil der lokalen Reaktionen auf die Globalisierung: Besinnung auf Wurzeln, Erhaltung der Vielfalt. Die Universität Neuenburg unterstützt dies mit einem Mehrsprachigkeits-Lehrmittel «Eole», das im Lauf dieses Schuljahrs auch in einer Patois-Version erscheinen soll.

Mit Lokalsprache auf dem Weg

Von Bedenken über die Erfolgsaussichten lässt sich der Patois-Vorkämpfer Bornet nicht bremsen. Nach dem Rückgang von 8800 im Jahr 1990 auf 6200 zehn Jahre später schätzt er, vielleicht optimistisch, heute sprächen noch 5600 Personen im Wallis regelmässig Patois und weitere 25'000 gelegentlich; das wäre zusammen fast ein Sechstel der Welschwalliser. An einigen Schulen wurden bereits früher freiwillige Patois-Lektionen erteilt; auf Evolène sollen nun noch weitere Gemeinden mit regelmässigen Kursen folgen.

Mehrere Volkshochschulen im Kanton bieten ebenfalls Kurse an. Weiter gibt es Sendungen lokaler Radio- und Fernsehstationen sowie eine vierzehntägliche Dialektkolumne in der der Zeitung «Le Nouvelliste». Einen Beitrag zur Sichtbarkeit der Mundart leistet zudem die Stiftung, die derzeit bei Savièse oberhalb von Sitten den Wanderweg Torrent Neuf herrichtet; er folgt dem Verlauf der einst die tollkühn durch die Felswände gelegten Bisse (Suone, Wasserleitung): Am bereits freigegebenen Teil des spektakulären Wegs sind die Flurnamen auf zweisprachigen Bronzetafeln zu bewundern. So heisst der Saut du Poulain (Fohlensprung) auch Cha dou Polin.

International vernetzte Verfechter

Die neue Stiftung, die diese Anstrengungen bündeln und unterstützen soll, will auch mit Patois-Freunden in andern Kantonen und Regionen zusammenarbeiten. Im September ist in Martigny der Conseil International du Francoprovençal gegründet worden. Lobend erwähnt Bornet auch den Jura, der freilich zu einer andern Sprachgruppe gehört. Dialektmässig mit dem Wallis verwandt sind Savoyen und das Aostatal; dortige Bewegungen wollen ihre gemeinsame Sprachregion als «Arpitanie» (Land der Bergler) profilieren.

Linguisten reden nicht von der arpitanischen, sondern von der frankoprovenzalischen Sprachgruppe. Sie gehört zu den galloromanischen Sprachen wie die beiden anderen, bekannteren französischen Sprachgruppen: die Langue d'oc (Okzitanisch) im Süden und die Langue d'oïl im Norden. Letztere dient in ihrer Pariser Variante als französische Hochsprache und wird auch Langue d'oui genannt, denn es geht bei diesen Bezeichnungen darum, wie man Ja sagt. Zum Frankoprovenzalischen gehören die meisten der ursprünglich in der französischen Schweiz gesprochenen Dialekte. Die Ausnahme bildet der Kanton Jura mit einer Langue d'oïl. Auch in den noch erhaltenen Freiburger oder Walliser Mundarten sagt man eine Form von «oui», aber andere Elemente dieser Patois ähneln eher der Langue d'oc. Sogar der Akzent im Französisch mancher Walliser, auch wenn sie gar kein Patois können, erinnert oberflächlich an Südfrankreich.

Historische Spuren bis nach Apulien

Eine 2010 bei der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) erschienene Studie zeigt auf, dass das Frankoprovenzalische keine Mischform ist, sondern eine historisch eigenständige Entwicklung aus dem Lateinischen: «Es unterscheidet sich vom Französischen tief, ebenso sehr wie das Rätoromanische» oder das Katalanische. Es wird auch Romand genannt; von daher hat die Suisse romande ihren Namen. Formen des Frankoprovenzalischen werden oder wurden im weiten Umkreis des Montblanc gesprochen. Und es gibt bis heute in Apulien zwei Dörfer, wo sich diese Sprache erhalten hat – zurückgehend auf Kolonisten, die im 13. Jahrhundert dort angesiedelt wurden: Celle San Vito und Faeto in der Provinz Foggia.

Zwar gibt es viel Literatur in verschiedenen Formen des Patois, aber keine gemeinsame Hochsprache; gerade deswegen haben sich die einzelnen Dialekte in stark unterschiedlicher Ausprägung erhalten. Immerhin wurde mehrmals versucht, eine phonetische Schreibweise festzulegen, die die Eigenheiten unterschiedlicher Dialekte wiedergeben kann. So ist eine «graphie commune» der Walliser Patois-Varianten ausgearbeitet worden. Vielleicht gelingt es mit vereinten Kräften doch noch, dem Patois das Schicksal von Herrn Séguins Geiss zu ersparen, die dem Wolf zum Opfer fiel.

Internet-Hinweise

Wallis: patois.ch («Chèvre» unter Publications/Revues)

Jura: djasans.ch

International: arpitania.eu

Wörterbuch Hérémence: wikipatois.dayer.biz

Wörterbuch 1866: liip.to/patois

Forschung: unine.ch/dialectologie

Studie: liip.to/sagwstudie