«Der Bund», 18.3.11

Sachlichkeit führt die Katastrophe vor Augen

Dass es eine Katastrophe ist, wird niemand bestreiten wollen. Aber reicht dieses Wort, um zu beschreiben, was sich derzeit in Japan abspielt – und darf man von «abspielen» reden, wenn die Ereignisse so gar nichts mit einem Spiel zu tun haben? Es ist für Medienschaffende eine grosse Herausforderung, angemessene Worte für das zu finden, worüber sie nun tagtäglich berichten müssen: Erbeben, Tsunami, AKW-Zerstörung und die Folgen – alles in enormem Ausmass.

Für Kollegenschelte wäre jetzt ohnehin nicht der richtige Moment, aber wenn mich meine Stichproben nicht trügen, gäbe es auch keinen zwingenden Anlass dazu. Das gilt selbst für den «Blick», der sonst vor Übertreibungen nicht zurückschreckt. Nach dem Schock-Titel vom Montag («Japan stürzt die Welt ins Atom-Chaos!») scheint sich auch beim Boulevardblatt die Einsicht durchgesetzt zu haben, dass die Realität schon schlimm genug ist und man auch noch Worte brauchen wird, wenn sie schlimmer wird. Die Spekulationen werden in Frageform verbannt: «Tokio heute verstrahlt?», «Ist Tokio verloren?»

Ob Boulevard oder nicht, gratis oder bezahlt – das Bemühen um Sachlichkeit prägt die Berichterstattung, so weit das lesende Auge reicht. Es gibt ja auch wahrlich keinen Grund, verbal eins draufzusetzen: Dass das Geschehen letztlich unfassbar ist, zeigen schon die Bilder, die dem schauenden Auge vorgesetzt werden. Ob sie zur Abstumpfung führen, wie bereits moniert wird, hängt wohl von den Konsumgewohnheiten ab – auch bezüglich der Katastrophenfilme, die es schon gab und die zweifellos noch folgen werden.

Gerade die TV-Reporterin und jene Kollegen, die sich für Schweizer Presse oder Radio ins Katastrophengebiet vorgewagt hatten, erlagen am wenigsten der Versuchung, ihre Eindrücke in besonders drastische Worte zu fassen: Ihre Sachlichkeit wirkte zuweilen schon fast so unheimlich wie die Gefasstheit, mit der japanische Direktbetroffene ihr Schicksal zu tragen scheinen und oft sogar darüber reden können. Ich habe jedenfalls in den Reportagen keine Versuche mitbekommen, die Katastrophe mit Worten noch entsetzlicher zu machen, als sie sowieso schon ist.

Katastrophe bedeutet im Altgriechischen «Wendung nach unten»; gemeint war besonders jener Moment in einer Tragödie, von dem an das Unheil seinen unaufhaltsamen Lauf nimmt. Wir meinen heute damit das Unheil an sich, vor allem wenn es plötzlich kommt, und verwenden das Wort in den Medien eher inflationär – in nächster Zeit, eingedenk der japanischen Katastrophe, wohl wieder weniger. Die «Wendung nach unten» aber erinnert an Friedrich Dürrenmatts These, just zu seiner Tragikomödie «Die Physiker»: «Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.»

Genau das bedeutet auch der GAU, der «grösste anzunehmende Unfall». Die Steigerungsform Super-GAU muss logischerweise etwas sein, das nicht «anzunehmen» war. Tritt es ein, so beweist das, dass man – die Expertengilde – beim Annehmen etwas falsch gemacht hat. Gegen das Eintreten des GAU, gegen das Freiwerden geschmolzenen Kernmaterials wie in Tschernobyl kämpften, als diese Zeilen entstanden, die AKW-Arbeiter in Japan immer noch – mit einem Einsatz, für den das Wort «heldenhaft» nicht ausreicht. Es kann von Respekt für sie zeugen, das Geschehen als Super-GAU zu bezeichnen. Aber die Steigerung hängt ebenfalls damit zusammen, dass «GAU» wie «Katastrophe» zuvor oft dort verwendet wurde, wo es weit übertrieben war, auch fernab der Atomenergie. Nebenbei: Vielleicht kommen die Vertreter der Nuklearindustrie jetzt davon ab, lieber «Kernenergie» zu sagen, denn dabei muss man nun auch an die Kernschmelze denken.

© Daniel Goldstein