«Der Bund», 10.12.10

Gefälschte Statistiken, die keine sind

«Ich traue nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe.» Dass dieser Satz Winston Churchill zugeschrieben wird, ist wahrscheinlich ein Resultat deutscher Kriegspropaganda, wie ein verdienstvoller Aufsatz in den Monatsheften des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg belegt (tiny.cc/Churchill). Vielfach dokumentiert ist nur das Misstrauen des britischen Kriegspremiers gegenüber deutschen Erfolgsstatistiken, und es war wahrscheinlich besser gerechtfertigt als jenes in umgekehrter Richtung.

Statistiker hören das angebliche Zitat natürlich äusserst ungern, dabei ficht es ihr Werk eigentlich kaum an: Wenn gefälscht wird, besorgen das in der Regel andere. Oft braucht es auch gar keine Fälschung der Zahlen, damit diese falsch wahrgenommen werden: Es reicht, dass sie unsorgfältig, tendenziös oder missverständlich präsentiert werden. Bei der sprachlichen Umsetzung mathematischer Befunde geht manches daneben – ob mit oder ohne Absicht, kann hier dahingestellt bleiben.

Vielleicht am weitesten verbreitet ist die Fehlleistung, etwas als Statistik zu präsentieren, das gar keine ist, sondern das Resultat einer Umfrage. Vor gut zwei Jahren konnten sich Schweizer (beiderlei Geschlechts) in die Brust werfen, weil ihnen eine Nationalfonds-Studie vermeintlich attestierte, in Europa die drittbesten Fremdsprachenkenntnisse zu haben, hinter Niederländern und Luxemburgern. Die Autoren der Studie hatten zwar vermerkt, dass es sich um eine Befragung über Sprachkenntnisse handelte, nicht etwa um einen Pisa-Test für Erwachsene oder sonst eine Ermittlung der tatsächlichen Vielsprachigkeit.

Doch in den Pressemeldungen ging dieser feine Unterschied entweder von Anfang an vergessen, oder mit der Zeit immer mehr. Und so haben wir es nun «wissenschaftlich», dass Deutschschweizer und Tessiner «durchschnittlich 2,2 Fremdsprachen» sprechen, Welsche aber nur 1,7. Oder sind die Romands einfach selbstkritischer? Immerhin wollen wir doch glauben, dass Schweizer verglichen mit anderen Europäern nicht zur Übertreibung neigen, dass also schon etwas dran ist an unseren Sprachkünsten.

Besonders verführerisch ist bei Umfrageresultaten, dass sie als repräsentativ bezeichnet werden und oft mit mindestens einer Stelle hinter dem Komma daherkommen. Die Repräsentativität kommt daher, dass ein soziologischer Querschnitt der Bevölkerung befragt wird, aber die Präzision wird im Kleingedruckten relativiert: Je nach Anzahl der Befragten ist ein «Vertrauensintervall» angegeben, eigentlich ein Mass des gebotenen Misstrauens: Um so viel, nämlich meist mehr als einen Prozentpunkt, kann das Resultat von jenem abweichen, das sich bei Befragung aller ergäbe.

Kombiniert man nun die Verwechslung von Umfrage und Statistik mit der übertriebenen Präzision, so ist man bei Feststellungen wie: «20,7 Prozent der Frauen erfahren in ihrem Leben physische, 40,3 Prozent psychische Gewalt.» Diese erschreckende Angabe geht auf eine Nationalfonds-Studie von 1997 zurück, ebenfalls eine Befragung. Deren Befund ist eigentlich noch schlimmer, denn die Antworten konnten ja nur bereits erlittene Gewalt betreffen und im Rest ihres Lebens mussten auch die bisher Verschonten einen Angriff befürchten. Zudem wurde allein nach Gewalt innerhalb einer Partnerschaft gefragt.

Einige Jahre später ergab eine Studie an der Universität Lausanne nur etwa halb so hohe Zahlen – immer noch schlimm genug, und vermutlich kein Anzeichen von Besserung: Wahrscheinlich lag der Befragung eine engere Definition von Gewalt zugrunde. Also auch hier eine Frage des Kleingedruckten. Das kann man zwar nicht jedes Mal mitliefern, wenn man über eine Umfrage berichtet, aber es wäre schon viel an Glaubwürdigkeit gewonnen, wenn man nicht den Eindruck erweckte, hier liege eine Statistik vor.

© Daniel Goldstein