292: «Der Bund», 10. 4. 2021

«Da klemmts», schlägt die «Sprachlupe» Alarm

Es gibt Leute, die können ganze Sätze schmunzeln: «So konnte ich mich etwas Ausgeflippterem wie eben dem Schreiben widmen» das habe der Schriftsteller Joachim B. Schmidt geschmunzelt, war in einem Porträt des Gammelhai-Kenners zu lesen. Klar, er wird das schmunzelnd gesagt haben, und da man schon bei den Schulaufsätzen lernt, nicht immer «sagen» zu sagen, bietet es sich an, Leute stattdessen etwas lachen, grinsen oder eben schmunzeln zu lassen.

Hat man erst einmal damit angefangen, statt dem Mund dem ganzen Gesicht Sätze abzuringen, dann ist kein Halten mehr. «Der Protest aus der Westschweiz sei ‹scharf› gewesen, blickte Alain Berset auf die letzten Tage zurück.» Und im gleichen Artikel vom Dezember 2020: «‹Wir werden für unsere Anstrengungen belohnt, freute sich die Walliser Gesundheitsdirektorin.» War ihr die Freude anzuhören? Vielleicht zeigte es auch der Gesichtsausdruck, oder die Magistratin tanzte sogar, aber dann hätten wir wohl zu lesen bekommen: «‹Wir werden belohnt›, tanzte sie.»

Spätestens hier dürfte deutlich werden, was mich an solchen Formulierungen stört: Das Verb, das «sagen» ersetzt, hat mit einer Äusserung nichts mehr zu tun, jedenfalls nicht mit einer verbalen. Wie aber verhält es sich im folgenden Satz? «‹Dies hatte sicher einen positiven Einfluss›, windet er ihm ein Kränzchen.» Da ist «ein Kränzchen winden» zwar etwas, das man mit Worten tun kann – aber damit wird die Tätigkeit beschrieben, nicht die Äusserung an sich. Klarer wäre deshalb als Anfang, vor dem Zitat: «Mit den Worten». Oder, weniger umständlich: «‹Dies hatte sicher einen positiven Einfluss› – so windet er ihm ein Kränzchen.» Das Wörtchen «so» wirkt Wunder.

Als ich auf der «Bund»-Redaktion die Nebenaufgabe hatte, das Kollegium mit sprachlichen Ratschlägen zu beglücken, hiess die beschriebene Sorte von Sätzen bald einmal «Dani-Goldstein-Fehler». Ausgerechnet – wo ich mich ja gerade bemühte, diesen «Fehler» bei mir und andern zu vermeiden. Ausserdem ist es gar kein Fehler, sondern höchstens ein stilistischer Fehlgriff. Seit ich darauf achte, finde ich derlei Sätze auch in älteren Texten, selbst literarisch hochstehenden – aber nie in der Häufung, die in der Presse üblich geworden ist.

Ich wurde dann gebeten, einen griffigen anderen Ausdruck zu finden, und kam auf «Taten in den Mund legen». Ein schönes Beispiel stand 2012 in einer «Sprachlupe»: «Man habe schon des Öfteren ähnliche Probleme gehabt und sie immer überwunden, klopften sie sich auf die Schulter.» Es waren die Aussenminister der EU, und ich spottete: «Man könnte meinen, sie hätten sich mit handgreiflichen Morsezeichen verständigt.» Jetzt aber bleibt mir der Spott im Halse stecken, denn ein hochgeschätzter, stilsicherer Schriftsteller gibt in einem Dialog seine eigene Aussage wieder, Franz von Assisi sei «kein besonders guter Maler» gewesen, und dann das: « – Oder der erste Abstrakte! gab mir der Freund einen frotzelnden Puff in die Seite. – Letztlich ist es nur ein Fleck, ein Tintenfleck, richtete ich mich auf.»

Dass der Freund beim frotzelnden Puffen auch noch geredet hat, weiss man ja schon, weil die Aussage am Anfang des Satzes steht – und doch versetzt mich dieses Stilmittel bei Navid Kermani in «ungläubiges Staunen» (wie der Titel des Buches lautet, aus dem das Zitat stammt). Schriftsteller dürfen alles, aber nicht alles eignet sich zur Nachahmung in der Gebrauchsprosa etwa eines Zeitungsberichts. Gewiss muss man dort Platz sparen, aber das empfohlene «so» braucht nicht viel – und noch mehr Platz spart man, wenn man der Leserschaft zutraut, ohne Interpretation des Berichterstatters zu merken, was die zitierte Person beabsichtigt. «‹Nino hat eindrücklich bewiesen, dass man immer mit ihm rechnen muss›, zollte Flückiger dem Europameister Respekt.» Ja gewiss, beleidigen wollte der unterlegene Velofahrer den Sieger mit diesem Lob nicht.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)