290: «Der Bund», 5. 3. 2021

Nicht(s) weniger als lebensfrohe Dudenbude

Kaum war das Szenelokal Dudenbude nach der seuchenbedingten Schliessung wieder offen, traf sich der Sprachstammtisch, wie wenn nichts weniger als ein Unterbruch gewesen wäre. Der Älteste kramte wie gewohnt ein zerknittertes Zeitungsblatt aus der Westentasche. Was auf die Runde zukam, liess der Titel sogleich erahnen: «Die Gastronomie steht für nichts weniger als unsere Lebensfreude». Ein Stimmengewirr würgte den drohenden Vortrag ab. Dass ihn alle schon kannten, lag auf der Hand: Hier müsse «nicht weniger» ohne s stehen, denn der gedruckte Titel mit s bedeute, es gebe nichts, wofür die Gastronomie weniger stünde als für unsere Lebensfreude. Gemeint war das Gegenteil: Sie stehe für nichts Geringeres.

Der Älteste liess es sich nicht nehmen, mit Gottfried Keller nachzudoppeln: Der habe in der Schule schlecht zeichnen können und sich später daran erinnert: «Dort galt ich für nichts weniger als einen talentvollen Zeichner.» Später aber habe er so tüchtig Fahnenstangen angemalt, dass der Händler ihm «schon am dritten Abend nicht weniger als zwei Kronenthaler als Tagelohn auszahlen musste». Die Jüngste in der Runde stichelte: «Tu doch nicht so, als kenntest du den ‹Grünen Heinrich› auswendig! Das mit dem Zeichner stand schon einmal in einer ‹Sprachlupe›. Die zitierte obendrein den Duden-Band 9 (Zweifelsfälle), laut dem man ‹nichts weniger als› anstelle von ‹nichts Geringeres als› brauchen kann, wenn kein Missverständnis droht. Beim Zeitungstitel ist doch klar, dass Beizen Lebensfreude ausschenken.»

Da mischte sich Konrad D. ein: Die «Sprachlupe» habe schon viel früher dieses «nichts weniger als» zu retten versucht, nicht nur mit dem Duden 9, sondern sogar mit der Logik. Ob der folgende Satz eine Würdigung oder eine Verunglimpfung bedeute, habe der Autor gefragt: «Einstein war nichts weniger als ein Genie.» Es komme auf die imaginären Klammern an: «Lesen wir [nichts weniger] als ein Genie, so war er am allerwenigsten ein Genie. Gemeint ist aber wohl nichts [weniger als ein Genie], also nichts unterhalb der Stufe Genie.»

Alle horchten auf, als Konrad fortfuhr: «Goldsteins Beispiel taugt jedoch nicht zur Rettung des Zeitungstitels. Ein Genie ist immer hochintelligent, aber die Lebensfreude kann auch im Keller sein. Und was nützt es dann der Gastronomie, wenn man sie mit nichts [weniger als unsere Lebensfreude]› einstuft? Damit ist nur gesagt, sie liege nicht unterhalb des Kellers – doch vielleicht ist sie just dort oder auf der untersten Stufe der Kellertreppe. ‹Nichts weniger› dient – egal, wie man sich die Klammern denkt – dem Niveauvergleich. ‹Nicht weniger› betont dagegen eine herausragende Stellung.»

Den Ältesten freute es, dass dem Zeitungstitel nicht mit der Logik zu helfen war, sondern bloss mit dem Duden 9: «Ja klar, die lassen doch jeden Fehler gelten, wenn er nur oft genug gemacht wird. Aber hoffentlich nicht diesen: Da steht, das Gastgewerbe beschäftige nur vier Prozent aller Erwerbstätigen, ‹und trotzdem scheint unser Land zurzeit eine Frage rund um die Pandemie mehr zu umtreiben als alle anderen›. Da muss es doch ‹umzutreiben› heissen!» Das bestritt nun niemand, und alle wussten weshalb: «Umtreiben» wird auf der ersten Silbe betont; ein auf der zweiten betontes «umtreiben» müsste erst noch geprägt werden, etwa so, wie es sich die Jüngste einfallen liess: «Im Wirbelwind umtreiben die dürren Blätter den kahlen Baum.»

Kommen beide Betonungen vor, so ändern sich Bedeutung und Beugung: «Fahr den Pfosten nicht um, umfahre ihn! Denn es ist besser, ihn zu umfahren, als ihn umzufahren. So hast du ihn umfahren statt umgefahren.» Das wusste die Runde, doch schon bekümmerte sie ein neues «Sprachlupe»-Zitat, eilends mit dem Handy gefunden: «Der Unterschied bei Betonung und Partizip zählt auch, wenn die Polizei den Täter seines Verbrechens überführt und dann ins Gefängnis übergeführt hat. Nur lässt der Duden leider im zweiten Fall das endbetonte ‹überführt› seit geraumer Zeit ebenfalls gelten.» Das treibt den Stammtisch um.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)