282: «Der Bund», 19. 2. 2021

Über Deutsch reden, aber nicht Überdeutsch

Sprechen Sie Überdeutsch? Wenn, dann wahrscheinlich nicht absichtlich, aber vielleicht im Übereifer, ja kein Schweizerdeutsch einfliessen zu lassen, wenn Sie hochdeutsch reden oder schreiben. Wahrscheinlich kommt nicht gerade «Hauchdeutsch» heraus, wie wenn sich Kinder spielerisch der Schriftsprache nähern und analog zu «Huus/Haus» von einem «Gaugelhopf» reden. Laut Duden.de wäre das ein Beispiel für «hyperkorrekte Formen, Bildungen (Sprachwissenschaft; irrtümlich nach dem Muster anderer standardsprachlich korrekter Formen gebildete Ausdrücke, die Mundartsprecher[innen] gebrauchen, wenn sie Standardsprache sprechen müssen bzw. wollen)».

So «hyperkorrekt» kommen Deutschschweizer Medien selten daher; einen schönen Fund präsentierte neulich die «SonntagsZeitung» in ihrer Rubrik «Schlagzeiten»: «In Metzerlen-Maria­stein belangt man darauf, nach mehr als zehn Jahren einen Schlussstrich ziehen zu können.» Ein Juwel, schier vom Planggenstock. Weit häufiger aber ist vermeintlich «superkorrektes» Deutsch: Man will sich so ausdrücken, wie man es aus Deutschland gehört hat, und ersetzt eine in der Schweiz übliche, durchaus korrekte Wendung durch eine andere. Das ist, was ich mit Überdeutsch meine.

So wird «ab und an» urchig zu urig, der Feldstecher zum Fernglas und der Helikopter zum Hubschrauber. Das versteht man wenigstens problemlos; der Griff zum Duden aber kann nötig werden, wenn Eigenheiten aus Norddeutschland auftauchen, so «schnieke Residenz» oder «bräsige Selbstzufriedenheit». Schnell einmal landet, wer sich so ausdrückt, auf der falschen Stilebene, zum Beispiel einer fremden mundartlichen: So war am Radio auch schon aus Schweizer Mund das norddeutsche «kucken» zu hören. Gleichen Ursprungs und dazu «umgangssprachlich» ist das ab und zu auftauchende «abgeblieben» für etwas Fehlendes. Umgekehrt kann etwas in der Schweiz ganz Gewöhnliches in Deutschland «gehoben» wirken; gemäss Duden gilt das für: Coiffeur, Geleise, gewoben, Ross, Werkstätte. Lustigerweise ist für uns das Ross eher mundartlich, ebenfalls so kann uns das Gleis vorkommen, dabei ist es im Wörterbuch die Normalform.

Peinlich wird die Deutsch-Beflissenheit bei Übersetzungen aus dem Dialekt. So wurde einem «Kräuterhexlein vom Aletsch­gletscher» in den Mund gelegt: «Barfuss führe ich über unsere wunderschönen Almwiesen.» Tatort Bettmeralm, nehme ich an. Dafür gibts eine Bewährungsstrafe. Die heisst zwar hierzulande «bedingte Strafe», aber «Bewährungsstrafe» nach deutschem Recht ist ausdrucksstärker und mag daher für Berichte nicht nur aus Deutschland angehen, sondern auch aus Drittstaaten.

Für Schweizer Fälle aber passt nur «bedingte Strafe» ganz. In Österreich sind beide Begriffe geläufig; formaljuristisch geht es dort um Urteile mit «bedingter Strafnachsicht». Zwar ertönen Klagen, in den Medien verdrängten bundesdeutsche Wörter die einheimischen, auch in Österreich. Aber es scheint dort weniger vorauseilenden Gehorsam zu geben als in der Schweiz, wo manche lieber Überdeutsch riskieren als eine vermeintliche Blösse durch den Gebrauch von Helvetismen. Die «Sprachspiegel»-Redaktorin Katrin Burkhalter kennt sich da aus und schreibt mir: «Da sind die Österreicher sooo viel lockerer und selbstbewusster: ‹Die Schüler haben schnell heraussen, wie das geht› – habe ich so an einem Vortrag, also in einer formellen Situation, gehört.»

Als Austriazismus (und Bavarismus) ist «heraussen» im Duden verzeichnet, ohne den Vermerk «mundartlich», der Anlass zur Zurückhaltung böte. Mehr Mumm bräuchte es, an dieser Stelle als Schweizer zu sagen, die Schüler hätten es schnell «erlickt». Um dieses Wort bei Duden zu finden, muss man schon zum Spezialband «Schweizerhochdeutsch» greifen – und da gilt «er­licken» als «mundartnah». Man liefe also grössere Gefahr, ennet (Helvetismus!) der Landesgrenzen nicht verstanden zu werden.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)