288: «Der Bund», 5. 3. 2021

«das thier friszt, der mensch iszt»

Als das Grimm’sche Wörterbuch 1878 diese Regel festhielt, galt sie fast durchgehend, und entsprechend wurde auch bei vielen andern Wörtern unterschieden, ob es um Mensch oder Tier ging. Das war aber nicht immer so gewesen: Im Althochdeutschen durften alle «ezzen», und «vrezzen» (ver-essen) bedeutete bei allen «aufessen». Wie «fressen» zur tierischen, aber zuweilen auch von Menschen ausgeübten Tätigkeit wurde, untersucht die deutsche Linguistin Julia Griebel in ihrer Doktorarbeit, die letztes Jahr als Buch erschienen ist (Winter, Heidelberg) und den Titel aus dem Wörterbuch trägt: «das thier friszt, der mensch iszt».

Wer es liest, muss mit Fachsprache zurechtkommen wie im Untertitel «Zur Diachronie der lexikalischen Mensch-Tier-Grenze im Deutschen»; er besagt, dass es um den Wortschatz im Zeitverlauf geht. Belohnt wird man mit einer reichhaltigen Studie auch zu Wortpaaren wie «trinken/saufen, stillen/säugen, schwanger/trächtig, gebären/werfen, sterben/verenden, ermorden/schlachten (bzw. erlegen, D.G.), Baby/Junges, Leiche/Kadaver, Lippe/Lefze». Mit einem schnellen Rundblick über die Grenzen stellt die Autorin fest, dass von den europäischen Sprachen nur Deutsch so konsequent unterscheidet. Anderswo gibt es bloss hie und da besondere «tierliche» Wörter, aber zum Beispiel «manger» oder «eat» zeigen nicht an, was für ein Wesen es tut.

Die Frage, warum gerade das Deutsche diese Besonderheit entwickelt hat, «kann nicht beantwortet werden», lautet Griebels Fazit – dazu wären wohl eingehende Vergleichsstudien nötig. Man erfährt im Buch viel darüber, wie die deutsche Mensch-Tier-Grenze zustande gekommen ist, nämlich im Zuge kulturhistorischer Entwicklungen. Seit der Antike hätten Menschen sich ins Zentrum des Weltbilds und damit über die Tiere gestellt (Anthropozentrismus), Tiere aber auch mit menschlichen Zügen versehen (Anthropomorphismus) – wieder, um die eigene Überlegenheit festzustellen und auszunützen. Das Christentum verstärkte die Idee vom Menschen als «Krone der Schöpfung» weiter. Dass die meisten Leute bis übers Mittelalter hinaus mit Nutztieren unter einem Dach lebten und diesen «hohe Wertschätzung» entgegenbrachten, änderte nichts am Überlegenheitsgefühl.

Dieses Gefühl beginnt sich aber erst in der Neuzeit sprachlich auszuwirken: Zunehmende physische Distanzierung spiegelt sich auch im Wortschatz. Frühe Trennungen finden sich bei Luther; so lässt er nur Menschen essen oder Lippen und Haut haben. Umstritten ist in der Forschung, ob er damit Vorreiter oder Mitläufer der Trennung war, aber «zweifellos hatte er Einfluss auf die Ausgestaltung der Schriftsprache», bemerkt Griebel. Dass in anderen europäischen Sprachen kaum ein Einzelner ähnlich prägend wirkte, wäre ein Ansatz zur Erklärung der Mensch-Tier-Besonderheit des Deutschen, aber die Autorin greift ihn nicht auf.

Die Köpfe der Aufklärung hätten auch über diese Trennung des Vokabulars nachdenken können, taten es aber wenig. Allein für Schopenhauer war der sprachliche «Kniff» gegenüber Tieren «erbärmlich, unverschämt, niederträchtig».Darwins Erkenntnisse über die gemeinsame Abstammung bewirkten eher, dass man sich weiter distanzierte – in der Realität der Industriegesellschaft wie in der deutschen Sprache. Ändert sich das heute, wo man Massenhaltung und Tierversuche kritisiert und manche Haustiere wie Menschen ernährt, kleidet, verarztet und begräbt?

Griebel hat elektronische Textsammlungen bis 2009 ausgewertet und noch kaum Belege einer Abkehr vom Spezialwortschatz für Tiere gefunden, ausser dass manche etwa als Baby oder Dame daherkommen. Die Autorin hält es für möglich, dass mündlich schon mehr gleiche Wörter wie für Menschen verwendet werden und sich das allmählich durchsetzt. In der Presse ist es mir erstmals 2013 aufgefallen und hat mich zu einer «Sprachlupe» inspiriert: «Ist sie schwanger, isst Tiermama mehr». Als ich 2016 nachdoppelte, gab es schon mehr Belege für essende Tiere.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)