287: «Der Bund», 22. 1. 2021

Mieterversammlung: laut Duden ohne Frauen

Bisher war ein Mieter «jemand, der etwas gemietet hat». Jetzt ist es eine «männliche Person, die etwas gemietet hat». Die Dudenredaktion hat damit angefangen, in der Online-Ausgabe (duden.de) die Definitionen solcher Personenbezeichnungen mit der Geschlechtszuschreibung zu versehen. Bis Ende Jahr sollen alle 12'000 (je doppelten) Einträge drankommen. So wird die Mieterin jetzt ausdrücklich als «weibliche Person» vorgestellt; bisher galt das Wort als «weibliche Form zu Mieter». Das habe zunehmend zu Reklamationen geführt, sagte die Duden-Chefredaktorin Kathrin Kunkel-Razum dem Deutschlandfunk.

Manche fanden es einfach unpraktisch: Wer die Bedeutung wissen wollte, musste zum Maskulinum weiterklicken. Dass das Femininum keinen vollen Eintrag hatte, habe aber auch die Empfindung verstärkt, die weiblichen Formen seien «Anhängsel zu den männlichen», sagte Kunkel-Razum «jetzt mal salopp». Dass solche Formen in aller Regel just durch das Anhängsel «-in» gebildet werden, schleckt allerdings keine Geiss weg. Nur hindert das die Chefin nicht daran, den weiblichen Ableitungen im Wörterbuch Eigenständigkeit zu verleihen.

Hier liegt der tiefere Grund für den Einschub «männlich» bei den Grundformen der meisten Personenbezeichnungen: Das «generische Maskulinum» wird laut der Chefredaktorin «zunehmend infrage gestellt», also die Verwendung der grammatisch männlichen Form für Personen beliebigen Geschlechts. In den neuen Definitionen entfällt diese Möglichkeit – sie wird somit nicht nur infrage gestellt, sondern in Abrede. Bei «Arzt» kommt sie jedoch durch die Hintertür wieder herein, mit dem Beispiel «zum Arzt gehen» (aber nicht: «zur Ärztin»). Kunkel-Razum erklärt, da sei eben nicht die Person gemeint, sondern die Praxis. Mit Verlaub: Das wäre ja gerade ein Grund, die Definition im generischen Sinn auszuweiten. Bei der ebenfalls angeführten Wendung «bis der Arzt kommt» ist zweifellos eine Person gemeint, und das Warten hat auch dann ein Ende, wenn eine Ärztin kommt.*

Geht es um eine konkrete Person mit bekanntem Geschlecht, so verwendet man fraglos die zu ihr passende Bezeichnung. Was aber ist mit einer Gesamtheit bestimmter Personen jeglichen Geschlechts? Seien in Deutschland «64 Millionen Bürger» wahlberechtigt, so müsse man «im Prinzip» die Zahl der «Einwohner» kennen, um zu merken, ob auch von Frauen die Rede sei, findet Kunkel-Razum. Sage man aber «… und Bürgerinnen», so sei es gleich klar. Das scheint mir recht spitzfindig: Wer würde denn heute in Deutschland noch das Frauenwahlrecht anfechten?

Die Einengung der Definitionen auf «männliche Personen» kann geradezu perverse Folgen haben. So wird im Online-Duden die Mieterversammlung zum Männerreservat: «Versammlung der Mieter [eines Hauses]». Eine Bezeichnung für eine derartige Veranstaltung, zu der auch Mieterinnen zugelassen wären, sucht man vergeblich. Nicht den Ort dafür, aber vielleicht das Wort findet man in Teufels Küche. Dorthin gerät, wer versucht, Wörterbücher nach aussersprachlichen Vorgaben umzuschreiben. So hat man beim Duden zwar bereits daran gedacht, die Wählerschaft «Gesamtheit der Wählerinnen u, Wähler» zu nennen (in der Eile mit Komma statt Punkt); für Wählergunst und Wählerverhalten indes sind (vorderhand) allein die Wähler zuständig.

Der Duden hat seit der Rechtschreibereform keinerlei amtliche Funktion mehr; er «darf» also alles. Er erhebt aber den Anspruch, den allgemeinen Sprachgebrauch wiederzugeben. Dazu gehört, obwohl sie bekämpft wird, die Zwitterrolle der grammatisch männlichen Personenbezeichnungen: Sie gelten nicht immer nur für Männer. Im gedruckten Wörterbuch «Rechtschreibung» stehen (zum Glück) in der Regel keine Definitionen. Zu «Arzt» erfährt man immerhin Artikel, Genitiv und Plural: «der; -es, Ärzte». Ganz allein auf einer Zeile steht «Ärztin» – ohne diese elementaren Angaben. Warum eigentlich fehlen die? Platz wäre ja da.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)

*Nachtrag

Duden merkt: Auch Frauen dürfen Mieter sein

Viel Kritik erntete die Dudenredaktion für die Abschaffung des generischen Maskulinums in ihrem Online-Wörterbuch duden.de. Sie hatte Anfang 2021 damit begonnen, 12 000 Einträge wie etwa «Mieter» zu ändern: Aus «jemand, …» wurde «männliche Person, die etwas gemietet hat». Nach ihren gewundenen Erklärungen für die neue Praxis ergänzte die Redaktion ab Frühjahr die Einträge mit einem Kästchen:

In bestimmten Situationen wird die maskuline Form (z. B. Arzt, Mieter, Bäcker) gebraucht, um damit Per­sonen aller Geschlechter zu bezeichnen. Bei dieser Verwendung ist aber sprachlich nicht immer eindeutig, ob nur männliche Personen gemeint sind oder auch andere. Deswegen wird seit einiger Zeit über sprachliche Alternativen diskutiert.

Wer den Link bei «dieser Verwendung» anklickt, findet eine differenzierte Betrachtung darüber – also über das generische Maskulinum und die Fälle, in denen es missverständlich sein kann. Der Grund, generell davon abzurücken, wäre demnach das Streben nach Klarheit. Nur ein Nebeneffekt wäre es also, Frauen sichtbar zu machen – wenn wir das der Dudenredaktion glauben wollen.