285: «Der Bund», 11. 12. 2020

Die babylonische Sprachvermischung

«Es hat nicht funktioniert», stellte der Herr betrübt fest, «dabei hatte ich mir das beim Turmbau zu Babel so hübsch ausgedacht: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!› (1. Mose 6/7). Ein Weilchen lang ging mein Plan ganz gut auf, aber jetzt stecken sie Englisch in alle ihre Sprachen und bauen nicht nur immer höher, sondern fliegen sogar ins All!»

«Kein Problem», warf die Herrin ein, «ich habe da schon längst etwas eingefädelt. Jetzt verstehen sie nicht einmal mehr die eigenen Sprachen richtig, weil diese vom Englischen durchgewirbelt werden. Du brauchst dich also nicht mehr hinzubemühen, um eine noch schönere Verwirrung zu bewerkstelligen.» Den Herrn juckte zwar immer noch die Idee, wieder einmal herniederzufahren, aber je mehr Beispiele die Herrin anführte, desto weniger nötig schien ihm das Eingreifen.

Sie begann beim Deutschen und dort bei jenen englischen Wörtern, die nach der Einwanderung noch einigermassen gleich klingen wie im Original, aber etwas anderes bedeuten. «Handy» bezeichnet nicht mehr eine Eigenschaft, sondern ein Ding; der «Body Bag» ist viel zu klein für eine Leiche; die «Pants» sind keine gewöhnliche lange Hose, sondern eine saugfähige kurze. Für Peinlichkeiten aller Art sorgt derlei in beiden Richtungen, ob Anglofone in deutschsprachige Lande reisen oder ob sie Gäste von dort empfangen: Die vermeintlichen Sprachgaben sind in Wirklichkeit Fettnäpfchen. Je mehr es werden, desto mehr gilt, was schon Oscar Wilde für Briten und Amerikaner feststellte: «Wir haben heutzutage ja alles gemeinsam, natürlich ausser der Sprache.»

«Und doch schickt jetzt sogar ein Südafrikaner von Amerika aus Leute in den Weltraum, und die Russen und die Chinesen können es selber, ganz ohne Englisch», grummelte der Herr noch, aber die Herrin hatte auch da eine Entgegnung parat: «Das kommt schon noch, dass auch ihre eigenen Sprachen unbrauchbar werden. Das besorge ich mit Wortimporten, die einem Eigengewächs gleichen.» Wiederum begann sie mit ihren Erfolgen bei den Deutschsprachigen, ihren liebsten Versuchskaninchen.

Da wird eine Britin in der Schweiz zum Walking eingeladen, fühlt sich ganz angeheimelt und freut sich auf einen genussvollen Spaziergang. Aber schon drückt man ihr Stöcke in die Hände und hetzt sie zackigen Schrittes durch die Gegend. Ganz durchgewalkt kommt sie sich nachher vor. Also möchte sie ihre schmerzenden Glieder mit Talk pflegen lassen; das Wort schaut sie im Wörterbuch nach, aber statt der Physio- schickt man ihr eine Gesprächstherapeutin. Selbst Einheimische lassen sich verwirren, wenn ein Wort mal deutsch, mal englisch ausgesprochen wird und dann ganz etwas anderes bedeutet. Die Gang benötigt keinen Gang auf die Post, sie kann ihren Post direkt im Internet platzieren.

Das englische Wort kann sich aber auch ganz und gar im deutschen verstecken – zuweilen so raffiniert, dass Letzteres sein eigenes Gegenteil bedeutet. Für diesen Trick setzte die Herrin eine Firma ein, die Fernsehprogramme durch Kabel verbreitet. Aus der babylonischen Sendervielfalt kann man sich verschiedene Sortimente zusammenstellen, die «Profile» heissen. Eines der Profile aber ist von Anfang an da, es heisst «Geteilt». Hat da die Firma ihr Angebot schon zerstückelt, ohne zu wissen, was ich haben möchte? Nein, sie meint die Gesamtheit der verfügbaren Sender. Welches Profil auch immer man zusammenstellt – es hat seine Auswahl mit «Geteilt» gemeinsam. Die Sender sind also «shared» oder neudeutsch «geshart». So, wie man sozialmedial etwas sharen kann, wenn man es andern mitteilen will. Aber man teilt es nicht, es bleibt ja ganz.Wie die Verwirrung.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)