284: «Der Bund», 27. 11. 2020

War «mauscheln» lang genug vergraben?

«Bund rät bei Mauscheleien von Bestrafung ab» – unter diesem Haupttitel auf der ersten Seite berichtete der «Bund» über einen Brief der Bundesverwaltung an die Staatsanwaltschaften in Sachen erschlichene Covid-Kredite. Die Redaktion erhielt umgehend Post von einer Leserin, mit Kopie an die «Sprachlupe»: «Bei Ihnen wird also weiter gemauschelt. Ich mache Sie seit Jahren auf den antisemitischen Hintergrund des Wortes aufmerksam, anscheinend ohne Erfolg.» Auch ich war zusammengezuckt, als ich den Titel sah – aber ich fragte mich dann, ob der «antisemitische Hintergrund» heute noch wirksam sei, ob also das Wort «mauscheln» und seine Ableitungen Vorurteile gegenüber Juden ausdrücken oder wecken oder verstärken könnten.

Zuerst ein Blick ins Digitale Wörterbuch dwds.de, Eintrag «mauscheln»: «‹undeutlich reden, Heimlichkeiten treiben, zweifelhafte und undurchsichtige Geschäfte machen, betrügen. Das Verb, im 17. Jh. zuerst bezeugt, dürfte aus dem Rotw[elsch] stammen und aus verschiedenen Vorstufen zusammengeflossen sein. Heranzuziehen sind rotw. mauscheln betrügen, mundartliches muscheln undeutlich reden (um von anderen nicht verstanden zu werden), heimlich tun, betrügen (besonders beim Kartenspiel), vgl. Mauscheln Kartenglücksspiel (um 1900). Daneben steht rotw. mauscheln in jüdischer Sprechweise reden, abge­leitet von rotw. Mauschel armer Jude, Koseform zu Mausche, der aschkenas. Form von hebr. Mōšē, d. i. Moses.»

Für den Journalisten Ronen Steinke, der bei Duden eine «Streitschrift» mit dem Titel «Antisemitismus in der Sprache» veröffentlicht hat, ist klar: «Mauscheln das geht nie», denn «auch wenn die Herkunft des Verbs vielen Menschen nicht bewusst ist, (…) bleibt die eindeutige Bezugnahme auf Juden bestehen und bleibt vor allem auch die Abfälligkeit bestehen.»

Ähnlich, wenn auch ohne «Verbot», urteilt die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus im Glossar «Belastete Begriffe»: «Wo man im Schweizerdeutschen für unseriöses Geschäftsge­baren von ‹mischeln› und ‹Gemischel› redet, da schreiben viele Medienschaffende von mauscheln und Gemauschel. Häufig glauben sie, damit ein jiddisch-hebräisches Wort wie meschugge, Mischpoche oder Chuzpe zu verwenden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Mauscheln ist nicht jiddisch, sondern eine Wortprägung der Antisemiten und war gegen die Juden gerichtet.»

Vermutlich denken die meisten Medienschaffenden, die «mauscheln» sagen, weder an Jiddisch noch an Antisemitismus – und wohl auch nicht mehr viele, die das Wort hören oder lesen, wie mir eine Mini-Umfrage zeigt. Der Linguist Hans-Peter Althaus hat über «Mauscheln. Ein Wort als Waffe» 500 Buchseiten verfasst (De Gruyter, 2002). Er spricht von der «Unbefangenheit, die den neuen Umgang mit der Wortfamilie kennzeichnet». Nach der Nazi-Zeit hätten «rund dreissig Jahre Vermeidung» bewirkt, dass dieses Vokabular den Nachgeborenen nicht mehr geläufig war. Dann, ab etwa 1970, hätten zunächst studentische Agitatoren erneut «Mauscheleien» angeprangert, sei es von Professoren oder Kapitalisten, und das Wort habe sich rasch wieder verbreitet – doch nunmehr ohne den «Nährboden, auf dem die früheren Konnotationen ihre denunzierende Wirkung entfalten konnten».

Victor Klemperer, der den Sprachgebrauch der Nazis früh und tiefgründig untersucht hatte, wollte belastete Wörter «für lange Zeit, und einige für immer» vergraben, wie es fromme Juden mit nicht mehr koscherem Geschirr täten, um es zu reinigen. Darauf gestützt, nahm Althaus «mauscheln» als Beispiel dafür, «dass bei Fehlentwicklungen eine Wende im Denken, Sprechen und Handeln herbeigeführt werden kann. Allerdings mussten sich erst Katastrophen ereignen, ehe die Sprachgemeinschaft die notwendigen Lehren aus dem sprachlichen Missbrauch gezogen hat.» Anders gesagt: Man kann ausgegrabene Wörter wie Denkmäler behandeln – nicht schleifen, sondern mit Erklärungen versehen.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)