283: «Der Bund», 13. 11. 2020

Wo das böse Wort im Schafspelz lauert

Finden Sie auch, Amerika sei auf den Hund gekommen? Weil es um die Wahlen so ein Affentheater macht? Oder gar, weil sein höchstes Tier bald kein bunter Hund mehr, sondern eine graue Maus sein wird? Oder weil auf keine Kuhhaut geht, was es an Kalbereien bietet? Und weil dort der Sender «Fuchsnachrichten» einen Schlangenfrass auftischt, alles für die Katz? Egal, ob Sie das affengeil oder saublöd finden: So hundskommun sollten Sie sich nicht ausdrücken. Denn die armen Schweine und all die anderen Sündenböcke können nichts dafür, was wir Menschen ihnen sprachlich anhängen.

Immerhin kommt auch die Abhilfe aus den USA – nicht weil der Esel als Maskottchen der Demokraten gegenüber dem Elefanten der Republikaner die Nase vorn hat, sondern weil dort die Tierschutzorganisation Peta schon 2018 eine Kampagne für «tierfreundliche Redensarten» ausrief. Auf Englisch gibt es wahrscheinlich eine noch reichere Auswahl an Ausdruckweisen, die «der Gewalt gegen Tiere das Wort reden und den Speziesismus festigen, eine Weltsicht menschlicher Überlegenheit». Um derlei zu meiden, schlägt Peta Abwandlungen vor, die sich zum Teil ins Deutsche übertragen lassen: Man solle etwa «Tornado in der Glas­fabrik» sagen statt «Elefant im Porzellanladen» oder statt «den Stier bei den Hörnern» packen «die Blume bei den Dornen» – was indes weder menschen- noch pflanzenfreundlich ist.

Spätestens diesen Sommer ist die Kampagne auch in der Schweiz angekommen, genauer in Bern: Zuerst überklebten Aktivisten ein amtliches Plakat gegen Abfallsünder, sodass es lautete: «Lieber ein Tofu auf dem Grill als ein wilder Haufen drumrum». Auf den Winter hin zog die Stadtregierung das Plakat mit dem Schwein und der Saubande aus dem Verkehr. Der Tofu-Empfehlung mochte sich der Gemeinderat nicht anschliessen: Er «teilt die Meinung, dass ein Grillfest auch ohne Tierprodukte ‹möglich› und ‹lecker› sein kann. Er erachtet es jedoch nicht als seine Aufgabe, diesbezügliche Empfehlungen zum Essverhalten abzugeben». Gefragt, ob er anerkenne, «dass Speziesismus als Diskriminierungsform real und weit verbreitet ist», tat der Gemeinderat lediglich die Einschätzung kund, dass «die Aufmerksamkeit gegenüber dem Phänomen Speziesismus im Wachsen begriffen» sei.

Damit kommt wohl allerhand Getier auf die sprachliche Abschussliste, von Angsthasen bis Zicken – jedenfalls die kriegerischen, von denen ja sowieso nur noch Sexisten reden. «Mutig wie ein Löwe» wird man noch sagen dürfen, wenn man nicht vergisst, die Löwin nachzureichen. Zum Frass vorwerfen – pardon: zur Nahrungsaufnahme – sollte man beiden nur noch Rüebli oder noch besser etwas, das eine Pflanze freiwillig hergegeben hat. Weitere Ratschläge: weder das Kalb machen noch den Bock zum Gärtner, weder Maulaffen feilhalten noch auf dem Zebrastreifen herumtrampeln, weder Paradies- noch schräge Vögel scheel anschauen, geschweige denn sie in den Mund nehmen.

Vorsicht ist sogar dann geboten, wenn Tiere in einer Redensart gut wegkommen: Von Vorurteilen geleitet ist ja auch, wer Schwein hat, Eulen nach Athen trägt oder Ameisenfleiss an den Tag legt. Von Fabeln lässt man besser die Finger, denn da werden Tiere in Verruf gebracht, ob sie den Kürzeren ziehen oder nicht – der Hase, der sich erfolglos abhetzt, ebenso wie der Igel mit seinem siegbringenden Doppelspiel. Und die wohlgenährte, aber geizige Ameise ebenso wie die flatterhafte Heuschrecke, der die Emsige nichts von ihren Vorräten abgibt. Sogar wenn in Kinder­büchern Tierlein die besseren Menschen sind, setzen sie den unschuldigen Köpfchen mit abwegiger Tierliebe Flöhe ins Ohr.

Da igle ich mich lieber ein und stecke erst noch den Kopf in den Sand, bis die Sprachpolizei die nächste Sau durchs Dorf treibt. Das ist dann vielleicht eine Mimose oder sonst eine Pflanze, die wir nicht mehr zur Schnecke machen sollen. Auch das werde ich tierisch ernst nehmen.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)