278: «Der Bund», 4. 9. 2020

Zu viel Englisch? Ist doch nur Code-Switching!

Haben Sie heute schon gemappt? Wahrscheinlich nicht, wenn Sie nicht gerade damit beschäftigt sind, Datenbanken zusammen­zuführen oder aber Landkarten zu erstellen. In der ersten fachsprachlichen Bedeutung, «Daten aufeinander abbilden», taucht das Verb im neuen Duden auf, aber das hat mir beim Lesen meines Leibblatts nicht geholfen: Da stand, vor fünf Jahren sei die tansanische Stadt Dar es Salaam «erst in ihren groben Strukturen gemappt» gewesen, seither aber hätten gemeinnützige Karto­grafen für Abhilfe gesorgt. Die redeten wohl englisch darüber.

Sie haben die Stadt also kartiert oder kartografiert, aber diese im Deutschen längst etablierten Wörter kamen offenbar weder der Redaktion noch den je zwei Männern und Frauen in den Sinn, die am Artikel mitgeschrieben hatten. Wird uns die zusätzliche Bedeutung von «mappen» in der nächsten Duden-Auflage begegnen? Wenn sie einreisst, wahrscheinlich schon, aber da es bereits ein deutsches Wort gibt, das bloss einen Buchstaben länger ist, stehen die Chancen schlechter als fürs Mapping von Datensätzen, das man ohne Englisch mühsam umschreiben müsste.

Unter den 3000 neuen Wörtern im Duden stammen viele aus dem Englischen, wie: Fridays for Future, haten, Hatespeech, hypen, Influencer, Lockdown, oldschool, Social Distancing, Uploadfilter, whatsappen. Der Duden stellt laut seinen Vorbemerkungen bei der Aufnahme vor allem auf den «allgemeinen Gebrauch» ab, wie er aus elektronisch greifbaren Publikationen hervorgeht. Nur auf duden.de findet sich die Präzisierung, ein Wort müsse «in einer gewissen Häufigkeit auftreten, und zwar über einen längeren Zeitraum hinweg, am besten über mehrere Jahre».

Bei den Wörtern, die sich jüngst mit Viren­geschwindigkeit verbreitet haben, nimmt die Redaktion wohl an, sie würden uns noch mindestens über mehrere Jahre begleiten. So willig der Duden Wörter aufnimmt: Er kann niemals Schritt halten mit dem Englisch, das manche ohne Rücksicht auf den allgemeinen Gebrauch oder die Verständlichkeit gern einflechten, seien sie im Management oder im Marketing tätig – oder im Journalismus.

Da findet mein Leibblatt einen TV-Moderator «viril und geladen und on the edge», was auch im Englischen erklärungsbedürftig wäre, und da ist eine «Multimedia-Show in jeder Hinsicht bigger than life», also überlebensgross, nur ist das auf Deutsch keine Redensart. Besonders wo es um Filme geht, bleibt man gern beim Originalton, mit Snipers und Heist-Movies oder mit Darstellern, die «poshes britisches Englisch reden». Auch die Realität bleibt nicht verschont: Da vollzieht die FDP punkto Umwelt einen «U-Turn», da sind touristische «Hotspots overcrowded» und bei Robotern braucht «die Implementation extrem viel Brainwork».

Reden zwei miteinander, die eine gemeinsame Zweitsprache haben, Secondos etwa, so flechten sie oft Brocken daraus ein, die für sie treffender sind. Das Fachwort dazu lautet Code-Switching und ist für Laien just ein Beispiel. Wissenschafter codeswitchen gern, wenn ihr Fach viel mit Fremdsprachigem operiert, heute meistens mit Englischem. In den Duden hat es der Ausdruck noch nicht geschafft, wohl aber seit längerem «switchen» für «(hin und her) wechseln». So «switcht» laut einer Rezension die Sprache der Autorin Kübra Gümüsay – nicht ins Türkische, sondern «elegant vom Persönlichen ins Grundsätzliche».

Das häufige Aufblitzen von Englisch in deutschen Texten als Code-Switching zu sehen, erspart viel Kopfzerbrechen darüber, ob Wörter wie «Brainwork» nun auch schon deutsch seien. Man kann derlei als stilistische Eleganz betrachten oder auch als Imponiergehabe – oder als blosse Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit. Das Lesen so eines Texts braucht dafür «extrem viel Brainwork», etwa wenn nach «gemappt» in der gleichen Zeitungsausgabe auch noch zu lesen ist: «Angesichts des verblassten Bromance-Trends im Kino wirkt The Climbwie ein spätes Management Summary.» Man sagt doch «Executive Summary»!

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)