277: «Der Bund», 21. 8. 2020

Kein Boboli: Im Duden steht jetzt «Boboli»

Unter den 3000 Neulingen, die den Duden auf 148000 Stichwörter anschwellen lassen, ist auch «Boboli». Erklärt wird es im ebenfalls neuen Eintrag «Bobo, das (Kindersprache schweizerisch mundartnah für Wehwehchen)». Schon in die vorherige Auflage hatte es «der/die Bobo» geschafft: «Kunstwort; aus Bourgeois und Bohémien (österreichisch, auch abwertend Angehörige[r] einer modernen städtischen Gesellschaftsschicht)». Solche Bobos, oft zugleich Cüpli-Sozialisten, tauchen in Deutschschweizer Gazetten ebenfalls auf, als Wort wohl aus der Romandie.

Neu ist auch der Hinweis «mundartnah»: So weiss man gleich, dass sich das Wort nicht für jede Art von Texten eignet, sondern nur dort, wo eine gewisse Nähe zum Dialekt erwünscht ist oder wenigstens nicht stört. Bisher gab es im Duden nur den Vermerk «mundartlich», den man missverstehen kann, als «ausschliesslich mundartlich». Doch nicht darum geht es, sondern um jene Wörter aus dem Dialekt, die in den «Allgemeinwortschatz» eingegangen sind, also auch schriftlich und in mündlichem Hochdeutsch verwendet werden – in der Regel aber nur in ihrer Heimatregion. «Mundartnah» ist somit präziser; nur so lautet die Angabe im kleinen Spezialduden «Schweizerhochdeutsch».

Von den fast 2000 im Duden aufgenommenen Helvetismen, den als «schweizerisch» gekennzeichneten Wörtern, tragen weniger als hundert einen Mundartvermerk. Bei den Zugängen sind es neben «Bobo(li)»: Bettmümpfeli, Bürogummi, Gspänli, zeuseln. Man erfährt dabei, dass der Bürogummi nichts mit dem Radierer zu tun hat, sondern vom französischen «commis» abstammt. Als weitere neue Helvetismen hat mir die Dudenredaktion mitgeteilt: Arztzeugnis, Flan, Grümpelturnier, Höhenfeuer, Italianità, Konkursrecht, Lehrperson, Rampenverkauf, Schulthek, Sans-Papiers, Selbst(st)ändig­erwerbende, Suone, Teamleader/-in, umzonen, Zwischenrang. Neu sind ferner «ein-/aus-/rückzonen» und «Gout».

«Flan», den Vorschlag eines «Sprachlupe»-Lesers, hatte ich (zusammen mit eigenen Anregungen) dem zuständigen Dudenausschuss geschickt (duden@sprachverein.ch). Diesmal gabs für neue Helvetismen wenig Raum; bei den vorangegangenen zwei Neuauflagen fanden jeweils drei- bis viermal so viele Aufnahme. Die neue Etikette «mundartnah» erhalten nun auch die bisher nicht «mundartlichen» Wörter «Brötli» und «Heftli», während «Brösmeli» weiterhin ohne Dialektvermerk auskommt.

Im Duden «Rechtschreibung» wird überhaupt nur Wörtern aus Österreich, Süddeutschland und der Schweiz Mundartcharakter zugeschrieben. Was weiter nördlich gewachsen ist und ins Wörterbuch kommt, wird nie den Dialekten zugeordnet, höchstens einer Region oder der Umgangssprache. So gilt das – ganz mundartlich wirkende – «dunnemals» für «damals» als «landschaftlich». Das bedeutet nicht «auf dem Land», sondern «in bestimmten Landschaften», also regional.

Ausdrücklich «schweizerisch regional» ist ein gutes Dutzend Einträge, so der Neuling «Schulthek». «Dépendance» hat extra für die Schweiz ein Aigu bekommen, bei «Schnitzelbank» ist nun auch das Maskulinum vermerkt, wie es etwa in Basel gilt, unter «Schoki» steht jetzt als Variante «Schoggi» und das «Trottinett» wurde vom Kinder- zum Tretroller befördert. «Peperoni» ist neu «schweizerisch auch für Paprika» (deutscher Lesart). Nicht mehr als «Züricher Traditionsveranstaltung», sondern als historisch gilt «Saubannerzug».

Keine Gnade fanden etwa die Vorschläge «Nachachtung» und «weitherum». Vorne im Duden steht: «Für die Auswahl der Aufnahmekandidaten sind vor allem die Häufigkeit des Auftretens und die Verbreitung über verschiedene Textsorten hinweg, also der allgemeine Gebrauch, entscheidend. (…) Wenn ein Wort nicht im Duden verzeichnet ist, heisst das also nicht, dass dieses Wort gänzlich ungebräuchlich oder nicht korrekt ist.» Dieser Freiheit wollen wir weitherum Nachachtung verschaffen, zumal beide Wörter im Duden «Schweizerhochdeutsch» stehen.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)