275: «Der Bund», 24.7. 2020

Wo die Jeans ziept, ist die Untreue nicht weit

Recht hat er, der «Sprachlupe»-Leser, der an anderer Stelle im «Bund» das Wort «zetten» vermisste und stattdessen lesen musste, ein Bauer habe Heu «verzettelt». Der Reporter (oder das Korrektorat) meinte wohl, auf Hochdeutsch müsse man das so schreiben, aber ein Blick in den kleinen Duden «Schweizerhochdeutsch» hätte sie eines Besseren belehrt: Da steht «zetten» (Heu, Mist) ohne jede Einschränkung wie etwa «mundartnah», aber mit dem Hinweis, «deutschländisch» heisse es «zetteln». So steht es auch im allgemeinen Duden, im Internet (duden.de) freilich mit der Präzisierung, das Verb beziehe sich aufs Bespannen eines Webstuhls. Ebenso erklärt das Digitale Wörterbuch dwds.de «zetteln»; dagegen nennt es «zetten» als Synonym für «verzetteln» etwa beim Heu, ohne geografische Einschränkung.

Sofern «zetten» hierzulande gehäuft vorkommt, belegt es die «sehr merckliche Neigung für die Kürtze», die 1746 der Zürcher Sprachgelehrte Johann Jakob Bodmer der «schweitzerischen Mundart» attestierte und «anderen Provintzen» zur Nachahmung empfahl – bisher ohne Erfolg bei seinen Beispielverben «schönen, starcken, weissen» anstelle des Umwegs mit dem «Hülfs-Wort werden» (Der Mahler der Sitten, 2/620). In vielen anderen Fällen aber haben Helvetismen Eingang in die Schriftsprache gefunden, in den Wörterbüchern meist als «schweizerisch» gekennzeichnet, manchmal nicht mehr, so «Urnengang».

Sehr viel häufiger aber breiten sich Wörter und Redewendungen in umgekehrter Richtung aus: von Deutschland in die südlichen Nachbarländer. In Österreich regen sich regelmässig Rufer in der Wüste, wenn Tschüss das einheimische Servus verdrängt, der Jänner vermehrt Januar heisst und der Bub bald nur noch Junge, in der Mehrzahl sogar Jungs. In der Schweiz gibt’s mindestens so viel Anlass zur Klage, nur scheint sie mir weniger laut zu erklingen, vielleicht wegen der hierzulande weit verbreiteten Befürchtung, mit dem eigenen Hochdeutsch den von Deutschland geprägten Ansprüchen nicht zu genügen.

Nun huldigte schon Bodmer nicht einfach sprachlichem Lokalpatriotismus; er empfahl Offenheit für Bereicherung in beiden Richtungen. Aber bei manchem, das sich in hiesigen Medien breitmacht, fällt es mir schwer, eine Bereicherung zu erkennen. Statt erhalten oder bekommen «kriegen» zu sagen oder bloss «mal» statt einmal, ist kein Zeichen für bessere Deutschkenntnisse, sondern auch laut Duden nur «umgangssprachlich». Kommt ein Wort vor allem in Deutschland vor, so ist es ein Teutonismus, wird aber im Duden nur gekennzeichnet, wenn es sich zudem auf einzelne Regionen beschränkt.

Mit «klare Kante zeigen» müsste ich mich erst noch anfreunden. Schon eher bereichernd ist «eine ziepende Jeans» (Duden: besonders norddeutsch für zupfend ziehen; einen leichten ziehenden Schmerz bewirken). Da wüsste ich gern, welche Bedeutung gemeint war, und ich ziehe auch beim Einzelpaar Jeans den Plural vor. Bei einem «grieseligen» alten Film führt mich die Suche ebenfalls nach Deutschland, zu Griesel für Graupel. Ich hätte für dieses Resultat auch ins Welschland zu grésil fahren können.

Ärgerlich wiederum ist es, wenn aus Deutschland politische oder rechtliche Ausdrücke übernommen werden, die hierzulande nicht zutreffen. Neulich schrieb mein Leibblatt vom Bundesrat als «Bundesregierung», was zwar sachlich stimmt, aber gar nicht üblich ist. Vollends auf Abwege gerät man, wenn man hinter einer Strafuntersuchung wegen Untreue ein altertümliches Eherecht vermutet. Vielmehr heisst in Deutschland und Österreich die Veruntreuung so – was offenbar für diverse Medien (nicht das Leibblatt) Grund genug war, über vermutete «Untreue» bei Corona-Krediten in der Waadt zu berichten. Auf Französisch heisst der Tatbestand «abus de confiance», also Vertrauensmissbrauch. Das wäre auch auf Deutsch klarer. Der Untreue verleiht die Kürze zwar Würze, aber mit einem irreführenden Geschmack.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)