274: «Der Bund», 10. 7. 2020

So kommt der Teufel vom Detail ins Gros

«Wil’s Detail bruucht für Ganzes z’mache, het K&W vil tuusig Sache.» So etwa lautete der Werbespruch einer Berner Eisenwarenhandlung vor vielen Jahrzehnten. Den Detailhandel hat sie inzwischen andern überlassen und sich aufs Engrosgeschäft zurückgezogen. Ihr Motto bleibt Anregung für einen sprachlichen Rückblick. Im Wort «Detail» steckt «tailler», also schneiden. Das Gros dagegen, ebenfalls aus dem Französischen, ist zwar nicht gerade das Ganze, aber entweder der Hauptteil (etwa einer Truppe) oder aber eine Masseinheit für den Handel mit grösseren Mengen: Das «kleine Gros» umfasst ein Dutzend Dutzend, also 144 Stück, und gehört laut Wikipedia noch zum Einzelhandel; Grossisten nennen das Zwölffache davon ein «grosses Gros».

Auch in der Sprache brauchts Details, um Ganzes zu machen. Die Kolumnen, die ich seit meiner Pensionierung als Redaktor beim «Bund» hier alle zwei Wochen veröffentliche, gelten meistens einem Detail, in dem der Teufel steckt – auch wenn ich mich bemühe, nicht in kleinliche Sprachkritik zu verfallen, sondern erhellende Sprachbeobachtung zu treiben. Das erste Gros, 144 «Sprachlupen» aus den Jahren 2009 bis 2015, habe ich nun in einem E-Buch vereint und mit einem anklickbaren Index versehen, damit hinter den Details einige grosse Linien greifbar werden.

Dabei geht es mir um Entwicklungen, die ich für zeittypisch halte. Soweit sie in Form von Fehlern auftreten, sind das oft solche, die früher oder später durch eine Anpassung der Regelwerke Absolution erhalten. Oft handelt es sich aber um neue Wörter oder Ausdrucksweisen, die sich – weil neu – nicht einfach als richtig oder falsch einstufen lassen. Eher kann man sich dann über die Nützlichkeit oder die Schönheit auslassen, zum Beispiel beim Trend zu Anglizismen – seien es einzelne Wörter wie eben «Trend» oder ganze Redewendungen wie «zurück auf Feld 1». Letzteres drängt sich beim Wort «Detail» auf, denn wenn es den Handel betrifft, ist heute häufiger von «Retail» die Rede. Beides sind Fremdwörter – mit dem Wechsel von der französischen zur englischen Quelle ist kaum je etwas gewonnen, aber in der Schweiz ein Stück landessprachliche Verbundenheit verloren. So bleibt mir das Diner lieber als das Dinner; Letzteres hat weniger Niveau, auch wenn es auf höchstem Level zubereitet wird.

Ein weiteres Reizthema dieser Jahre ist die Geschlechtergerechtigkeit – genauer: die Forderung von Sprachfeministen (beliebigen Geschlechts), das Maskulinum nicht mehr generisch als Personenbezeichnung ohne Ansehen des Geschlechts einzusetzen, sondern immer neutrale Bezeichnungen zu verwenden oder dann beide Genera bzw. eine typografische Mischform. Solche Regeln stur und durchgehend anzuwenden, erschwert das (Vor-) Lesen enorm, aber ebenso stur auf die (richtige) Feststellung zu pochen, grammatisches und biologisches Geschlecht seien nicht dasselbe, bringt die Diskussion auch nicht weiter. Viel interessanter scheinen mir Bemühungen, Gerechtigkeit und Geniessbarkeit miteinander zu vereinbaren.

Ein Dauerthema sind auch die Besonderheiten des Hochdeutschen in der Schweiz: Wie viel Dialekteinfluss darf in welcher Art von Schriftstücken sein? Und wie lassen sich die – als standardsprachlich anerkannten – Helvetismen erhalten, wenn deutsche Medien und deutsche Medienschaffende in der Schweiz immer mehr Einfluss auf die hiesigen Sprachgewohnheiten nehmen? Unversehens werden bei all diesen Themen aus den Teufelchen im Detail des täglichen Sprachgebrauchs Teufel im Gros der Gegenwartssprache. Und so hoffe ich, dass sich diese Sammlung von Tageszeitungs-Kolumnen auch als Überblick über Entwicklungen des Deutschen im frühen 21. Jahrhundert nutzen lässt.

Das E-Buch «Sprache im Gros und im Detail (I)» finden Sie unter issuu.com/sprachlust. Sollten Sie darin Fehler entdecken, melden Sie diese bitte an dg@sprachlust.ch, damit ich bei der National­bibliothek (E-Helvetica) ein bereinigtes E-Buch einreichen kann.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)