270: «Der Bund», 15.5. 2020

Müssen nur Frauen Geräte selber putzen?

«Die Geräte müssen von jeder Nutzerin selber desinfiziert werden.» So gaben Tamedia-Zeitungen die neue Regel für Fitnesscenter an. Wie es sich bei männlichen Nutzern verhält, ist damit nicht gesagt; dass aber die Regel eigens mit dem Femininum aufgeführt ist, lässt vermuten, sie gelte für Männer nicht. Es sei denn, man halte die für mitgemeint – aufgrund der Theorie, bisher seien Frauen beim Maskulinum mitgemeint gewesen, also sei es gerecht, das fortan andersherum zu tun. So stand in einem Titel, bei Clariant werde eine «neue Chefin» gesucht; im Artikel liess aber nichts darauf schliessen, es müsse eine Frau sein.

Jetzt halt mit der weiblichen Form männliche Wesen mitzumeinen, ist eine Art Kindergarten-Gerechtigkeit, und sie beruht auf einer irrigen Annahme. Denn wenn in einer allgemeinen Form von «jedem Nutzer» die Rede ist, dann gilt das unbesehen des Geschlechts – man schaut nicht einmal hin, ob männlich, weiblich oder sonst etwas. Die natürlichen Geschlechter sind nicht die einzige Inspiration für die grammatikalischen; diese gehen wahrscheinlich stärker auf die Unterscheidung zwischen Sammel- und Einzelbegriffen zurück (die Masse, der Bestandteil).

Im Deutschen haben wir die Schwierigkeit, dass die allgemeine Form meistens mit der männlichen übereinstimmt und man aus dem Zusammenhang erkennen muss, ob nur Personen männlichen Geschlechts gemeint sind oder eben alle. Bei Regeln für Fitnesscenter darf man annehmen, Frauen seien ebenso gemeint wie Männer, auch nicht bloss «mitgemeint» (wie etwa Mitläufer nur mitlaufen, ohne mitzubestimmen, wohin). Allerdings hat das Bundesgericht 1887 verneint, «Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich» bedeute gleiche Rechte und Pflichten für beide Geschlechter; etwa punkto Wehrpflicht ist es heute noch nicht so.

Dass Männer fast immer (mit)gemeint sind, kann also auch ein Nachteil sein, und es führt zu umständlichen Formulierungen wie «männliche Nutzer», wenn weibliche ausdrücklich ausgeschlossen werden sollen. Sollten Frauen in ansehnlicher Zahl wirklich ungerecht finden, dass es für sie eigene sprachliche Formen gibt, so müssen wir nach anderen Wegen zur Abhilfe suchen, als ihnen diese Eigenheiten wegzunehmen und etwa mit «Nutzerin» auch mal einen Mann zu meinen. Wir könnten zum Beispiel anfangen, nur noch dann «Nutzer» zu sagen, wenn wir das ohne Ansehen des Geschlechts tun, aber «Nutzerich», wenn es ein Mann sein soll. Das klingt zwar ungewohnt, ist aber eine bereits vorhandene sprachliche Form. Es gibt sie nicht nur für Tiere (wie den Gänserich); ein Wüterich könnte gar eine Frau sein.

Nun habe ich nicht im Sinn, aus jedem Apotheker, an dessen Männlichkeit mir liegt, einen Apothekerich zu machen und nur noch dann von Apothekern zu reden, wenn mir ihr biologisches oder soziales Geschlecht unbekannt oder egal ist. Diese Unterscheidung wäre mir aber lieber als die penetranten Doppelnennungen, und seien sie mündlich bloss angedeutet wie mit «Nutzern-n-nn’n». Sollten sich Nutzeriche neben ungeschlechtlichen Nutzern im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen, so würde ich mich wohl anschliessen. Bis dann hätte vielleicht auch jemand eine entsprechende Lösung für die Ärzte und all die andern gefunden, deren Bezeichnung nicht auf -er endet.

Selbst bei Berufsleuten, Staatsangehörigen oder Charaktertypen auf -er würde das flächendeckende Auftreten von «-erichen» nicht das Ende aller Genderdebatten bedeuten. Denn kommt ein Nutzer ohne Geschlechtsbezeichnung daher – ist er dann immer noch «einer» oder neu «eines»? Müsste etwa die Regel im Fitnesscenter lauten: «Jedes Nutzer desinfiziert das benutzte Gerät selber.»? Dieses Neutrum wäre, anders als die Kreation neuer «‑eriche», ein Eingriff ins Sprachgefüge, so künstlich wie Sternchen oder andere Unbuchstaben. Die beliebigen Nutzer können gut sprachliche Maskulina bleiben; im Plural bekommen sie ja den «weiblichen» Artikel «die» – gerecht nach Kindergartenart.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)