««NZZ am Sonntag», 18. 11. 2018

Keine Angst vor Helvetismen,
sie gehören zum Hochdeutsch

In der Deutschschweiz darf man so schreiben, wie einem der Federkiel gewachsen ist. Was auch für auswärtige Augen bestimmt ist, muss nur verständlich bleiben, schreibt Daniel Goldstein.

Beim Coiffeur habe ich letzthin in einem Heftli etwas über einen Abwart gelesen, der auf dem Pausenplatz immer wieder Verhüterli findet und meint, Schulbuben hätten damit gespielt. Dass ein Deutschschweizer diesen Satz geschrieben hat, merken Sie sicher – aber woran genau? Und ist es schlimm, dass man es merkt?

Ein Kandidat für beides ist «Verhüterli». Das Wort ist in der Schweizer (Boulevard-)Presse schon in den Achtzigerjahren aufgetaucht, aber rar geblieben. Erst dieses Jahr lebt es auf – in Rezensionen, weil es in Thomas Hürlimanns neuem Roman auf einem Plakat prangt. Der Autor will wohl, dass es blöd wirkt, und vielleicht auch: in deutschen Augen schweizerisch. Seit Jürgen Drews in einem Schlager das «Verhüterli» besang, hat es in Deutschland Karriere gemacht. Der Duden führt es in der Online-Ausgabe als «scherzhaft gebildet mit schweizerischer Verkleinerungssilbe»; in Wahrigs Synonymen-Wörterbuch dagegen gilt das ganze Wort als «schweizerisch». Ich kann mir aber schlecht vorstellen, dass ein Deutschschweizer in der Apotheke «Verhüeterli» verlangt – schon eher sagt ein Deutscher in der Schweiz «Verhüterliii», weil er meint, er werde sonst nicht verstanden.

Für einen echten Helvetismus – einen nur oder vorwiegend in der Schweiz verwendeten Ausdruck – gibt es im Einstiegssatz ein besseres Beispiel: Heftli. Nicht jedes typische Mundartwort darf aber als Helvetismus gelten; Voraussetzung ist, dass es auch in hochdeutscher Form gebräuchlich ist und damit zur Standardsprache gehört, wie Linguisten sagen. Im Zweifel helfen Wörterbücher weiter. So steht «Heftli» im Duden 1 (Rechtschreibung) als «schweizerisch» – ohne den Zusatz «mundartlich», den es meiner Meinung nach tragen sollte. Denn nur mit Mundartkenntnissen hört man den liebevoll-spöttischen Beiklang; wer das Wort in Deutschland liest oder hört, meint wohl, so heisse in der Schweiz ein kleines Heft. Der soeben in zweiter Auflage erschienene kleine Spezialduden «Schweizerhochdeutsch» bezeichnet es denn auch als «mundartnah». Er enthält nur Helvetismen; mit 3500 wohl etwa doppelt so viele wie der Duden.

«Coiffeur» steht in beiden Wörterbüchern, aber im schweizerischen als gewöhnliche Berufsbezeichnung, im allgemeinen als «schweizerisch, sonst gehoben für Friseur». In der Tat findet man auch von Wien bis Lübeck Coiffeure und muss daher nicht befürchten, dort nicht verstanden zu werden. Beim Abwart ist das schon fraglicher; das Wort ist rein «schweizerisch für Hausmeister, Hauswart». «Pausenplatz» erklärt sich zwar selbst, ist aber«schweizerisch für Schulhof». Auch hierzulande schreiben Zeitungen in jüngerer Zeit öfters «Schulhof» – sei es, weil sie deutsches Personal beschäftigen oder weil übereifrige Schweizer meinen, das sei besseres Deutsch.

Denn das Vorurteil, Helvetismen seien kein richtiges Deutsch, geistert in vielen Köpfen herum – auch in der Schweizer Lehrerschaft bis hinauf in Hochschulen, wo solche Wörter weitherum als «unwissenschaftlich» gelten. Übrigens: Auch «weitherum» ist zusammengeschrieben ein Helvetismus. Und nochmals: Helvetismen gehören zur Standardsprache. Unter Wissenschaftern (schweizerisch ohne l) ist kaum noch umstritten, dass Deutsch eine plurizentrische Sprache ist wie etwa Englisch, also unterschiedliche «Varietäten» kennt, die je als vollwertig gelten.

Etliche dieser – meist nationalen – Sprachversionen sind vollständig kodifiziert, etwa das österreichische Deutsch mit eigenem amtlichem Wörterbuch und einem gewissen sprachlichen Nationalstolz, jedenfalls bei manchen Linguisten. In der Deutschschweiz hängen Heimatgefühle weit mehr an den Mundarten als am «Schweizerhochdeutsch»; das entsprechende Wörterbuch umfasst denn auch nur Helvetismen ohne den «gemeindeutschen» (im ganzen Sprachgebiet verbreiteten) Wortschatz, den wir selbstverständlich ebenfalls verwenden. Wo wir eigene hochdeutsche Ausdrücke haben, sollten wir sie pflegen und nur dann durch gemeindeutsche ersetzen, wenn wir uns auch an Auswärtige richten und Missverständnisse befürchten müssen.

Helvetismen haben es umso schwerer, als deutsche Medien hierzulande eifrig konsumiert werden. Diese verbreiten naturgemäss nicht nur gemeindeutsche Ausdrucksweisen, sondern auch bloss in Deutschland oder Teilen davon verbreitete, also Teutonismen bzw. Regionalismen. Manche davon sind salopp (und im Duden so vermerkt), was ja in lockeren Texten angehen mag. In der Schweiz und in Österreich werden sie oft übernommen, gedankenlos oder um möglichst «deutsch» zu tönen (hier Helvetismus für «klingen), manchmal ungewollt salopp. So werden aus Buben nicht bloss Jungen, sondern Jungs.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)

Links zu Helvetismen

In Duden-Wörterbüchern

In der Wikipedia

In Zeitungsartikeln

Masterarbeiten und Rezensionen

Kurs für angehende Lehrkräfte

Variantengrammatik des Standarddeutschen