«Der Bund», 25. 1. 2019

Trolls, die gern in Chors singen

Ein Gespenst geht um in meinem Leibblatt, und nicht nur dort. Es macht sich durch ein leises Zischen bemerkbar: «ssss». Letzte Woche suchte es mich beim Lesen viermal innert drei Tagen heim. Es begann mit einer Empfehlung für jemanden, der «in Gospelchors» singt. Am nächsten Tag trat es standesgemäss mit türkischen «Regierungstrolls» auf, und danach erschreckte es mich mit «Korallenriffs», wiederum von «Trolls» begleitet. Wie man das Gespenst bannt, weiss ich nicht, denn man müsste es dazu bringen, Deutschregeln zu beachten.

Leider ist es nicht einfach so, dass es im Deutschen «kein Plural-s gibt», wie mir einst ein Leser schrieb, für den jedes solche -s ein tadelnswerter Import aus dem Englischen war. Im Niederdeutschen, an Nord- und Ostsee heimisch, wird die Mehrzahl oft so ausgedrückt. Weil sich Sprachgebiete mehr nach politischen als nach linguistischen Gesichtspunkten gebildet haben, gilt in Norddeutschland heute nicht die niederländische, sondern die deutsche Hochsprache. Und diese, von Fachleuten Standardsprache genannt, hat auch Formen wie «Jungs» und «Kumpels» aufgenommen. Der Duden markiert diese beiden als «umgangssprachlich», «Hochs» und «Tiefs» aber nicht: Da gibt’s keinen anderen Plural. Bei Fremdwörtern aus Latein oder Griechisch ist das Plural-s sogar «deutscher» als das Original, etwa «Kommas» neben «Kommata».

Bei Importen aus dem Englischen bietet es sich zwar an, die Mehrzahlform ebenfalls zu übernehmen, aber das geschieht keineswegs immer: Noch setzt niemand die Managers an die Computers. Den Babys und den Ladys hängen wir seit der Rechtschreibreform einfach -s an, obwohl der englische Plural «-ies» geschrieben wird. Die oben herumgeisternden Formen scheinen ebenfalls englisch inspiriert zu sein; jedenfalls will mir in den genannten Fällen kein weniger schlechter Grund fürs Mehrzahl-s einfallen.

Wer über die «Gospelchors» schrieb, dachte vielleicht an «gospel choirs»; in den «Korallenriffs» erklangen wohl Gitarrenriffs. Letztere Riffs stammen im Englischen vermutlich von «refrain» ab und sind samt Pluralform ins Deutsche gekommen. Dagegen sind jene Riffe, die aus Korallen bestehen können, eigentlich Rippen, und sie sind aus den skandinavischen Sprachen ins Deutsche wie ins Englische gelangt (wo sie «reefs» heissen). Allerdings ist der Duden 2013 schwach geworden und führt seither für die martitimen Riffe beide Pluralformen, auf -e und auf -s. Aus Nordeuropa kommen auch die Trolle, die eher ungemütlichen Kobolde. Den Weg ins Internet, wo sie als Stimmungsverdunkler und Agents provocateurs Unfrieden stiften, haben sie zuerst im Englischen gefunden.

So könnte man im Deutschen auf die Idee kommen, Trolls im Internet so zu schreiben, um sie von Trollen im Märchenland zu unterscheiden. Der Duden tut es (noch) nicht. Im Online-Wörterbuch dwds.de, das in der Nachfolge der Brüder Grimm steht, wird der Eintrag «Troll» gerade überarbeitet; man darf auf die Pluralform(en) gespannt sein. Beim Wort «Hurrikan» hat der Duden neben dem Plural auf -e auch jenen auf -s aufgenommen, aber nur «bei englischer Aussprache (’harikn)». Einen Bedeutungsunterschied gibt es da nicht und auch keinen Grund, das Wort als englisches zu behandeln, denn es ist via Spanisch aus der Karibik gekommen. Gelangen die Trolls nach derselben Regel wie die Hurrikans ins Wörterbuch, so müssen wir sie «tuohls» aussprechen.

Bei «Müesli» verzichtet der Duden aufs Plural-s, beim gleichbedeutenden «Müsli» gibt er es als fakultativ an. Bei «Guetzli» (-s nur im schriftsprachlichen Genitiv) tischt er gnädigerweise kein «Gutzli» für deutsche Schnäbel auf. Die ungeniessbare Mehrzahl «Guetzlis» tun sich manche Deutschschweizer schon selber an, auch in der Presse, selten gar «Gutzlis». Dabei merkt man ja aus dem Zusammenhang auch ohne -s, wenn es mehrere sind. Englisch beeinflusst kommen mir Formen wie «Guetzlis» oder «Modis» nicht vor, wohl aber «deutschländisch» wie die «Jungs», die bis in die Mundart vorpreschen.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)