«Der Bund», 14. 12. 2018

Nehmt den Männern das Maskulinum weg!

Wenn Bahnperrons weitgehend rauchfrei werden, bedeutet das laut einem Radiobericht: «Der Rauchende kann sich also nicht gleich eine Zigarette anzünden.» Der Rauchende? Raucht doch schon! Hat also schon im Zug das Rauchverbot missachtet und will sich als Kettenraucher beim Aussteigen gerade den nächsten Glimmstängel anstecken. Wer da am Radio redete, meinte aber vermutlich nicht diese Situation, sondern einen gehorsamen Raucher, der bald einmal auf dem Perron die Rauchzone suchen muss.

Ob der Raucher ein Mann oder eine Frau ist und ob man das überhaupt merkt, spielt hier keine Rolle. Wer aber «der Raucher» sagt, beschwört das Bild eines möglicherweise störenden Mannes herauf und muss «der Raucher oder die Raucherin» sagen, um den Verdacht geschlechtsneutral zu verbreiten. Je häufiger solche Doppelnennungen vorkommen, desto stärker wird die Vermutung, wer das grammatische Maskulinum verwende, meine unbedingt einen biologischen Mann.

Wer die umständliche Verdoppelung vermeiden will, kann auf die Mehrzahl des Partizips Präsens ausweichen, also hier von «den Rauchenden» reden, die den Perron betreten. Bei «den Studierenden» stört es kaum noch, dass sie auch dann so bezeichnet werden, wenn sie gerade nicht studieren, sondern sich etwa eine Rauchpause gönnen oder gar eine Party. Man kann «Studierende» für die ganze Lebensphase gelten lassen, die vom Studium geprägt ist, auch wenn dieses nicht pausenlos betrieben wird. Aber wenn von Rauchenden die Rede ist, sieht man schon den Qualm aufsteigen.

Die Radioansage folgte offenbar der Gewohnheit, mit dem Partizip die Festlegung auf ein Geschlecht zu vermeiden, aber das funktioniert nur im Plural. Wenn «der Rauchende» auch eine Frau sein kann, dann ist diese so wenig sichtbar wie bei «der Raucher». Genau deshalb bekämpft ja der Sprachfeminismus dieses «generische Maskulinum», bei dem das grammatische Geschlecht nichts über das biologische aussagen soll. Bei Berufsbezeichnungen und Ähnlichem (wie eben «Raucher») kann generisch geradeso gut eine Frau gemeint sein – «mitgemeint», sagen die Kritiker(innen), wollen das nicht gelten lassen und machen es mit «gerechtem» Sprachgebrauch zunehmend unwirksam.

Dabei war es nach neuerer Sprachforschung nicht immer so, dass die Genera, also die grammatischen Geschlechter, an die natürlichen gebunden waren. Im aktuellen «Sprachspiegel» nennt der frühere Gymnasiallehrer Felix Sachs die älteren Funktionen «Perspektiven»: Jenes Genus, das heute Maskulinum heisst, bezeichnet demnach Individuen (Lebewesen oder Dinge), das Femininum Kollektive oder Abstrakta, das Neutrum Tätigkeiten oder deren Ergebnisse. Allerdings hat im heutigen Deutsch nicht jedes Wort das Genus, das dieser Einteilung entspricht. Sind Einzelne gemeint, so steht «die Frau» ja genauso für ein Individuum wie «der Mann» oder «das Kind». Aber der Artikel gibt auch das natürliche Geschlecht manchmal falsch an, eben bei «Kind» oder wenn «die Geisel» ein Mann ist. Oder dann, wenn «der Raucher», generisch verwendet, auch eine Frau sein kann.

Sachs plädiert nicht fürs generische Maskulinum, vielmehr dafür, das Genus mit dem Artikel «der» gar nicht Maskulinum zu nennen, sondern Singulativ oder Konkretiv. Mit der Zeit, so meint er, verschwände dann auch die Vorstellung, solche Wörter bedeuteten nur Männer. Frauen will er anders sichtbar machen als mit der Endung «-in», die das Geschlecht unnötig betone. Stattdessen soll das natürliche Geschlecht «so selten wie möglich» kenntlich sein – wenn aber doch, dann mit «gerechter Präsenz von Männern und Frauen» im jeweiligen Kontext.* Nicht gerade abgezählt, wohl aber ausgewogen soll die Beachtung sein. Ausser dem Verzicht auf «-in» wären keine Eingriffe in die Sprache nötig – wenn es nur gelänge, das biologische Verständnis der Genera aus den Köpfen zu verbannen.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)

*siehe Das Context-Ideal von Felix Sachs