«Der Bund», 2. 11. 2018

Österreich und sein eigenes Deutsch

Wie redet man in Österreich? Etwa nicht Deutsch? Für ein Forschungsprojekt wurde Lehrkräften eine Auswahl an Bezeichnungen für die Muttersprache der Mehrheit im Land vorgelegt. Nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten wählte «Deutsch», knapp ein Fünftel «Österreichisches Deutsch»; auf weitere Bezeichnungen mit Österreich-Bezug entfielen gut ein Zehntel der Antworten und etwas weniger auf Varianten mit «Dialekt/­Mundart». In der Deutschschweiz, so darf man annehmen, wäre «Schweizer­deutsch» die weitaus überwiegende Antwort auf die Frage nach der Muttersprache der Mehrheit.

«Das Standarddeutsch (Hochdeutsch), das in Österreich verwendet wird, ist genauso korrekt wie das in Deutschland» – dieser Aussage stimmten fünf von sechs Lehrkräften zu. Aber eine Kontrollfrage an anderer Stelle des Fragebogens zeigte eine Unsicherheit auf: Dass «deutsches Deutsch korrekter» sei, fanden zwar wenige, aber viele lehnten diese Aussage nur schwach ab. Entsprechende, aber weniger formelle Untersuchungen bei Schweizer Lehrkräften zeigen noch grössere Unsicherheit und häufiger die Ansicht, richtiges Deutsch sei jenes aus Deutschland.

In beiden Alpenländern ist zu beobachten, dass sich «deutschländisches» Deutsch ausbreitet, vor allem bei Jugendlichen und oft mit nicht besonders hochsprachlichen, sondern eher flapsigen Ausdrucksweisen – etwa «Jungs» für «Jungen», die hierzulande eigentlich «Knaben» oder «Buben» heissen (beides laut Duden standardsprachlich, wenn auch nicht im ganzen deutschen Sprachraum üblich). In Österreich wird die – meist den Medien zugeschriebene – sprachliche Angleichung an Deutschland oft als «Vertschüssung» bezeichnet: «Tschüss» hat als Abschiedsgruss das landestypische «Servus» überholt, bei den befragten Lehrkräften erst knapp, bei den gleichzeitig befragten Schulkindern schon im Verhältnis 4:1. Nur bei den Erwachsenen kommen die heimatlichen Formen «Baba» (von «[grüss den] Vater») und «Pfiati» (von «[Gott] behüt’ dich») noch recht häufig vor.

Einhellig lassen sich Alt und Jung gutes Essen «schmecken» und finden es nicht etwa «lecker» – in Österreich scheint auch die Liebe zur Sprache durch den Magen zu gehen. Als das Land 1995 der EU beitrat, brachte es 23 eigene Speisebezeichnungen in die amtlichen Bestimmungen ein. Im Jahrzehnt darauf fand ein Forscher etwa «Marille, Kipferl, Schlagobers» allgemein gebräuchlich vor, während «Erdäpfel, Kukuruz, Paradeiser» von Jüngeren nur mündlich, von Älteren aber auch schriftlich verwendet wurden; die letztgenannten Wörter (für Mais bzw. Tomaten) sind allerdings nicht im ganzen Land verbreitet.

«Der Jugend ist das österreichische Deutsch powidl», titelte «Die Presse» schon 2012. «Powidl» ist eigentlich Pflaumenmus, bedeutet hier aber «wurscht». Die Zeitung zitierte einen Forscher, der an der eingangs genannten Studie beteiligt war: «Man müsste schon in der Schule den Leuten bewusst machen, welche Ausdrücke österreichisch sind: Es wird zwar das ‹Österreichische Wörterbuch› verteilt, aber kein Lehrplan sieht das österreichische Deutsch als Thema vor.» Im Zusammenhang mit der Studie erstellte das Bildungsministerium 2014 eine 72-seitige Broschüre mit dem Titel «(Österreichisches) Deutsch», auf seiner Website indessen behandelt es das Thema sehr stiefmütterlich.

Der Grazer Professor Rudolf Muhr kritisierte: «Weder die Eigenständigkeit, noch die Gleichberechtigung [des Österreichischen Deutsch ÖD] wird durch die Broschüre vermittelt. Vielmehr wird der Eindruck erweckt, dass das ÖD doch wieder eine Rand­erscheinung des DEUTSCHEN (= richtigen Deutschen = Deutschland) ist.» Für seine Verfechter ist das ÖD ein wichtiger Teil der österreichischen Identität. Über «Schweizer­hochdeutsch» (vgl. «Sprachlupe» vom 5. 10.) lässt sich kaum Ähnliches sagen: Zur «Swissness» gehören vielmehr die Mundarten und die Mehrsprachigkeit.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)