«Der Bund», 5. 10. 2018

Hilfsmittel, um Helvetismen ungehemmt zu brauchen

Allfällige Hemmungen wären fehl am Platz: Obwohl das Wort «allfällig» in Deutschland ungebräuchlich ist, macht keinen Fehler, wer es in einem hochdeutschen Text verwendet. Durch «etwaig» muss man es höchstens dann ersetzen, wenn man befürchtet, in Norddeutschland nicht verstanden zu werden. Im Zweifel hilft ein Blick in den Duden: «Allfällig» steht drin, mit dem Vermerk «österreichisch, schweizerisch» – ohne «mundartlich», was ein Grund für Hemmungen sein könnte. Somit ist das Wort als Helvetismus (und Austriazismus) Teil dessen, was Linguisten Standardsprache nennen. Nicht nur Einträge im Duden 1 (Rechtschreibung) können diesen Anspruch erfüllen: Schon das Online-Wörterbuch duden.de ist reichhaltiger, und etwa doppelt so viele Helvetismen wie der Duden 1 umfasst der Spezialband «Schweizerhochdeutsch».

2012 vom Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache (SVDS) im Dudenverlag herausgegeben, ist dieser Band jetzt in zweiter Auflage erschienen und dabei von 96 auf 112 Seiten, von 3000 auf 3500 Einträge gewachsen. Verfasst haben ihn Hans Bickel und Christoph Landolt, zwei Redaktoren des Idiotikons, des grossen Schweizerdeutsch-Wörterbuchs. Bedient haben sie sich aber gerade nicht bei den Mundarten, sondern beim schriftdeutschen Sprachgebrauch in der Schweiz; keine Gnade fanden dabei «marginale und veraltete Wörter». Manche der erfassten Wörter haben in Deutschland und Österreich keine gebräuchliche Entsprechung, sondern müssen umschrieben werden; neu in dieser Kategorie ist u. a. «der/die Amtsälteste».

Da sich dieses Wort selbst erklärt, bietet es erst recht keinen Grund für Hemmungen – im Gegenteil, man darf es zur Nachahmung empfehlen. Dass sich die deutschsprachigen «Provinzen» so gegenseitig bereichern sollten, fand schon 1740 der Zürcher Gelehrte Johann Jakob Bodmer: «Ist unser Gebrauch der vernuenftigere, richtigere und geschicktere, so mueßte man … ungerecht … seyn, wenn man von uns fordern wollte, daß wir uns nach einem fremden Gebrauche bequemeten, mit welchem wir das bessere um das schlimmere vertauscheten.» So haben denn «Amtsälteste» auch schon im Online-Duden Aufnahme gefunden, mit dem Vermerk «schweizerisch».

Andere schweizerhochdeutsche Neuheiten bleiben andernorts noch ein Geheimtipp, zum Beispiel «Aufbauer, Aufbauerin» in einer Sportmannschaft – im Vergleich zu Dudens «Spielmacher» doch gewiss «vernünftiger, richtiger, geschickter», oder wenigstens eines davon. Beim Alpenbitter wiederum drängt sich der Export des Worts auf, wenn man auch das Getränk verkaufen will. Andere Neuaufnahmen sind Schweizerischen Amtsgebräuchen zu verdanken und damit weniger exportfähig. Sie brauchen aber auch nicht durch Importe ersetzt zu werden, weder «Adjunkt, Adjunktin» noch «Administrativmassnahme» (die es zum Glück nur noch gegenüber Verkehrsteilnehmern gibt, jedenfalls laut Wörterbuch).

Sogar einige kantonale Amtsbesonderheiten haben es ins Wörterbuch geschafft, unter A die solothurnische «Amtei» und die zürcherische «Aussenwacht (einzeln gelegener Ortsteil)». Auch Kurioses kommt vor, das ich weder im In- noch im Ausland zur Nachahmung empfehlen möchte: etwa das übergenaue «Allzeithöchst» oder – schon in der ersten Auflage – «Allerheilmittel». In der Schweizer Presse kommen diese Wörter gelegentlich vor, aber weitaus häufiger sind die im ganzen deutschen Sprachgebiet gebräuchlichen: «Allzeithoch», «Allheilmittel». Wohlverdient ist dagegen die Aufnahme von «Auslandteil», den Schweizer Zeitungen noch haben (auch wenn ihn die meisten nicht mehr selber machen); in Deutschland läuft das neben viel Inland unter «Politik». Entsprechend gibt es in «Schweizerhochdeutsch» jetzt auch den (rar gewordenen) «Auslandchef»; dagegen fehlt hier das (noch rarere) weibliche Pendant – aus Versehen, wie man mir mitteilt.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)