«Der Bund», 23. 3. 2018

Italienisch ist überall, wo wir gut hinhören

«Bern ist überall» – um Bern überall zu finden oder hinzubringen, braucht es die gleich­namige Poetengruppe. Italienisch ist überall – das hat eine Soziologengruppe herausgefunden, jedenfalls bezüglich der Schweiz. Sie hat diesen Befund in einer Forschungsskizze auch auf Deutsch publiziert («Italienisch ohne Grenzen», Seismo-Verlag). Verio Pini, Irene Pellegrini, Sandro Cattacin und Rosita Fibbi halten sich – anders als viele in ihrem Fach – nicht lange mit Zahlen auf, sondern verwenden diese bloss, um ihr Untersuchungsfeld zu umreissen.

Von den Italienischsprachigen – einmal auf knapp 7, einmal auf gut 8 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung beziffert – leben mehr als die Hälfte «nördlich des Gotthards», und diesem Teil gilt das besondere Interesse der Autoren. Denn hier wollen sie eine Art Dunkelziffer ans Licht bringen. Sie stützen sich auf eine amtliche Strukturerhebung, wonach auch etliche, die Italienisch nicht als Hauptsprache angeben, dieses doch in Beruf oder Familie verwenden. Darüber hinaus: «Von den 8,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern unseres Landes hat jede achte Person eine Italianität», neben der Sprache auch durch Abstammung definiert.

Den Befindlichkeiten dieser Gruppe spürt die Studie nicht mit einer «repräsentativen» Umfrage nach (was oft auch «oberflächlich» bedeutet), sondern mit 14 in die Tiefe gehenden Interviews. Von den Befragten leben die meisten nicht in der italienischen Schweiz; etwa die Hälfte stammt von dort, die andere (mindestens teilweise) aus Italien. Manche sind prominent, andere nicht. Gemeinsam ist ihnen – bei allen Unterschieden der Lebenserfahrung –, dass sie etwas Italienisches als Teil ihrer Persönlichkeit sehen.

Von ihren Erzählungen – in «Italiano per caso» bei Casagrande in Bellinzona publiziert – sind in der Auswertung auf Deutsch nur einzelne Passagen wiedergegeben. Oft geht es dabei um die Erfahrung des Fremdseins sowohl in der aktuellen Lebensumgebung als auch bei Besuchen in der Urheimat. Es geht aber auch um die Flexibilität, die solche Biografien mit sich bringen. «Pietro» wuchs vorwiegend in Zürich mit «nicht gepflegter» Italianität auf, wurde dann an eine Schule in der Engadiner Heimat seiner Mutter geschickt und bemerkte dort, dass Mailänder beliebter waren als Zürcher – also «gab ich den Italiener». (Es handelt sich um den späteren Tamedia-Patron und damit «Bund»-Verleger Pietro Supino.)

Die gesamte Bevölkerungsgruppe, der die Studie Italianität bescheinigt, könnte «mehr Rechte, Anerkennung und im belgischen Sinne Autonomie erstreben, wenn sie (…) angemessen sensibilisiert, organisiert und unterstützt würde, sowohl in sprachlicher als auch in soziokultureller Hinsicht». Mit «belgisch» ist offensichtlich nicht der ethnonationalistische Spaltpilz gemeint, eher die in Belgien für kulturelle Belange geltende Organisationsform nach Sprachgemeinschaften. Die Forscher kommen eben gerade zum Schluss, «dass die Idee einer monolithischen (…) sprachlichen Zugehörigkeit infolge zunehmender Mobilität (…) nicht nur in keiner Form der Wirklichkeit entspricht, sondern auch nicht erstrebenswert ist». Angestrebt wird dagegen, dass das Italienische nicht allein in seinen Stammlanden, sondern in der ganzen Schweiz Pflege erfährt.

Alt Nationalrat Remigio Ratti spricht in seinem Nachwort von «Italizität» in einem umfassenderen Sinn als «Italianità», die oft einseitig auf Kulinarik und andere Lebensfreuden gemünzt ist. Es geht ihm um eine der «multiplen Identitäten» der Schweiz, mit denen unser Land europäisch und global «Nähe zu Netzwerken und Wertvorstellungen vorfindet». Diese Stärken zum Tragen zu bringen, erfordere aber «statt reine Verwaltung (des Sprachenfriedens) vermehrt auch Steuerung».

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)