«Der Bund», 26. 1.  2018

Die Wütigen sind da, Nachbildung ratsam

Wütend wurde ich nie über «wütig» in einem schriftdeutschen Text, doch fand ich das Wort allzu mundartlich. Aber dann stand im Leitartikel eines Chefredaktors dies: «Hinzu kommen die Wütigen, für die einzelne Sendungen schon Grund genug sind, die Gebühr abzuschaffen.» Da kam ich ins Grübeln und schrieb dem Autor: «Auf den zweiten Blick fängt das Wort an, mir auch für den schriftlichen Gebrauch zu gefallen; Tollwütige, Spielwütige und sonst allerlei Kombiwütige tummeln sich schliesslich ungehindert in der Standardsprache. Wütende sind nicht ständig wütend, Wütige wohl schon, nach Art der Wutbürger.»

Weil sich das Partizip «wütend» als Adjektiv selbständig gemacht hat, kann es freilich schon auch für einen andauernden Gemütszustand verwendet werden. Hingegen taugt es kaum noch als Bezeichnung für jemanden, der gerade am Wüten ist. Bei echten Partizipien wie «studierend» aber machen Sprachpuristen geltend, so könne man nur Leute bezeichnen, die gerade mit Studieren beschäftigt seien. Also gehe es nicht an, aus Studenten bequemerweise Studierende zu machen, um ja nichts über ihr Geschlecht zu sagen. Allerdings haben sich diese Studierenden nun auch schon so selbständig gemacht, dass kaum noch jemand auf die Idee kommt, sie studierten rund um die Uhr und ums Jahr.

Genau genommen hat auch das Wort «Student» diese Verselbständigung durchgemacht, beim Import ins Deutsche – denn das lateinische «studens» bedeutet «studierend» und ist ebenso geschlechtsneutral. Man könnte also eine Hochschülerin auch als «eine Student» bezeichnen, aber wegen der Versuchung, -e anzuhängen, empfiehlt sich das nicht. Einfacher wäre es, wenn sich «der/die Studens» eingebürgert hätte. Doch den Übernahmen aus dem Lateinischen liegt meist der Akkusativ (studentem) zugrunde. Hier nur nebenbei: Auch «der Schüler» ist nicht zwingend biologisch männlich, und man kann durchaus vom «ersten weiblichen Schüler» eines Instituts reden, während «erste weibliche Schülerin» widersinnig ist: Was für andere Schülerinnen soll es denn vor ihr gegeben haben? Sagt man aber «erste Schülerin», so ist unklar, ob es vor ihr überhaupt Schüler gab.

Wie praktisch wäre es doch, mehr unangefochten geschlechtsneutrale Wörter zu haben wie etwa Kind, Mündel oder auch Waise, Säugling. Allerdings liest man neuerdings ab und zu «der Waise» für eine männliche, und «Gesäugte» ist schon als neue Bezeichnung gefordert worden, für Säuglinge jedweden Geschlechts – auch wenn sie noch so laut schreien, weil sie eben gerade noch nicht gesäugt sind. Vielleicht sind sie darob wütend, aber hoffentlich nur bis zum Stillen, sonst würden noch Wütige aus ihnen.

Und warum nennen wir sie nicht einfach Säugige, in der Einzahl der/die/das, je nachdem, ob etwas über das Geschlecht des Winzlings gesagt werden soll? In erster Linie deswegen nicht, weil das Wort völlig ungebräuchlich ist, aber das kann sich ja noch ändern. Nicht per Dekret, aber vielleicht durch den Sprachgebrauch, der sich heutzutage wohl schneller ändert als je zuvor, auch dank den Medien, besonders solchen zum Mitmachen. Wörter auf -ig bieten sich zuhauf zum Ausprobieren an. Wie wär’s mit «Fussgängigen» samt den Streifen für sie? Wie eine Strassenquerung rollstuhlgängig sein kann, kann sie auch fussgängig sein; der Schritt zur Personenbezeichnung ist klein. So mag ja nicht nur ein Anlass gesellig sein, sondern ebenfalls, wer daran teilnimmt.

Auch Abkürzungen auf -i wie Studi, Journi, Knasti liessen sich durch mit -ig schriftsprachlich adeln, dann entfielen zudem die Mehrzahlformen auf -s. Allerdings geniesst eines der drei Beispiele bereits in der heutigen Form des Dudens Segen, mit dem Zusatz «umgangssprachlich»: der/die Studi. Und für jemanden, der im Gefängnis ist oder war, kennt das Wörterbuch in der gleichen Kategorie: der/die Knacki. Hier verbietet es sich natürlich, -g anzuhängen: «knackig» ist schon besetzt, wie auch etwa «fahrig». Schade!

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)