«Der Bund», 25. 8.  2017

Freiburg – für zwei Namen gross genug

«Politesse statt Politik, das scheint doch an schweizerischen Sprachgrenzen kein schlechter Grundsatz.» Über solche Höflichkeit berichtete der ehemalige «Bund»-Chefredaktor Ernst Schürch 1943 mit einer Anekdote um sprachliches Entgegenkommen, das helfen, aber auch verwirren kann: Ein deutschsprachiger Berner Regierungsrat verstand den Mann, der sich als «Meier von Bürkis» vorgestellt hatte, erst dann, als der «maire de Bourrignon» aus dem Jura in seine Muttersprache wechselte.

Zwar nicht missverständlich, aber übertrieben beflissen ist es, wenn auf Deutsch von Kanton und Stadt «Fribourg» geredet wird; mir scheint, das sei immer häufiger der Fall. Dabei ist der Name Freiburg – anders als Bürkis – durchaus geläufig, und das seit der Gründung im 12. Jahrhundert. Kürzlich stand dennoch in einer Kulturzeitschrift etwas über einen «gebürtigen Fribourger» und dazu noch etwas über einen «Ethnologen aus Neuchâtel». Es wäre falsch verstandener Respekt für die Welschschweiz, auf gut etablierte deutsche Ortsnamen wie Genf oder Neuenburg zu verzichten.

In der Stadt Freiburg leben seit je auch Deutschsprachige; sie machen noch gut einen Fünftel aus. Als 1959 die Deutschfreiburgische Arbeitsgemeinschaft (DFAG) gegründet wurde, war es knapp ein Drittel, wie heute im Kanton. Während dieser offiziell zweisprachig ist, gelang es der DFAG nicht, für die Stadt denselben Status zu erwirken. Mit beharrlichem Bemühen hat sie wenigstens erreicht, dass die Rechte der sprachlichen Minderheit besser respektiert werden. Verfechter des Deutschen stiessen oft auf Gehässigkeit: Welsche Exponenten warfen ihnen «Arroganz», ja «Imperialismus» vor.

Selbst in Freiburg mit seiner langen Geschichte des Wechsels sprachlicher Vorherrschaft steht aber heute nicht mehr jedes öffentliche Schild als Bollwerk der Sprachgrenze da. Der Bahnhof bekam 2012 nach langen Auseinandersetzungen zweisprachige Schilder, wie jener im zuvor nur deutsch benamsten «Murten/Morat». Die NZZ sprach damals von «Entkrampfung», und letztes Jahr stellte sie fest: «An der Sprachgrenze fallen die Wachtürme.» Sie führte die Entspannung vor allem darauf zurück, dass die von manchen Romands befürchtete «Germanisierung» nicht nur ausgeblieben war, sondern Zuzüger – auch ausländische – das Französische gestärkt hatten. Die Abwehrhaltung erübrigte sich also.

Umgekehrt scheint die DFAG des Kampfes müde: Sie hat dieses Jahr mit dem Heimatkundeverein fusioniert; zusammen heissen sie «Kultur Natur Deutschfreiburg». Auch wenn die Deutschfreiburger einiges erreicht haben: Eine zweisprachige Idylle ist die Stadt nicht geworden. Die Linguistin Claudine Brohy – sie war im DFAG-Vorstand – analysiert im aktuellen «Sprachspiegel» die öffentlich sichtbaren Sprachzeichen. Sie findet Fortschritte, aber etwa im Vergleich mit Biel auch Mängel in der «sprachlichen Lebensqualität». So sind von den 352 Strassen nur gerade 22 auch deutsch angeschrieben, alle in der Altstadt.

Die Minderheit dürfte prozentual schrumpfen, wenn die Fusion von «Grand Fribourg» gelingt: Sie soll neun Gemeinden der bestehenden Agglomeration umfassen, nicht aber Düdingen als zehnte – und einzige deutschsprachige (wider ihren Willen vom Kanton in die Agglo eingegliedert). Die Versuchung mag dann stärker werden, auch auf Deutsch von «Fribourg» zu reden, aber das wäre erst recht ein Affront gegenüber den Deutschfreiburgern. Es bleibt noch das Argument, «Fribourg» sei die eleganteste Art, die Stadt von Freiburg im Breisgau zu unterscheiden. Das mag sein, ist aber Bequemlichkeit am falschen Ort. Meist ist im Zusammenhang ohnehin klar, welche Stadt gemeint ist. Wenn das doch einmal präzisiert werden muss, ist «Freiburg i. Ü.» fast ebenso knapp – und eine seltene Gelegenheit, ans Üchtland oder Üechtland zu erinnern. So, wahrscheinlich «Weideland» bedeutend, hiess im Mittelalter das Grenzgebiet zwischen Burgundern und Alemannen.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)