«Der Bund», 30. 6.  2017

Wie ist der Mensch zur Sprache gelangt?

Wem verdanken wir die Sprache – der Natur oder der Kultur? Alfred Wallace konnte im 19. Jahrhundert nicht ahnen, dass er im 21. zum Kronzeugen für diese Frage ernannt würde. Auf ihn beruft sich der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe, der mit «Das Königreich der Sprache» (Blessing 2017) ein eigenwilliges Stück Wissenschaftsgeschichte vorlegt. Er ergreift darin Partei für jene Forscher, die draussen im Feld Strapazen erleiden, während die Grübler im stillen Kämmerlein Theorien ausbrüten, bevor sie sie an die grosse akademische Glocke hängen.

Für Charles Darwin, den Gentleman, war dieser Alfred Wallace ein blosser «Fliegenfänger», wie die Stubengelehrten jene Naturforscher zu nennen beliebten, die sich tatsächlich in die Natur hinausbegaben. Und dort, im malaiischen Malariafieber, kam Wallace auf die Idee, die Tierarten hätten sich durch Evolution herausgebildet. Dumm nur, dass er sein Manuskript darüber ausgerechnet Darwin schickte. Der hatte – schon seit einer Weltreise in jungen Jahren – die gleiche Idee gewälzt, aber nicht gewagt, diesen Widerspruch zur Schöpfungslehre zu publizieren. Nun liess er sich dazu drängen, war aber immerhin so anständig, Wallace als Mitentdecker zu nennen.

Nach Wolfes Darstellung traute sich Darwin erst viel später, den Menschen als weiteren Schritt der Evolution zu bezeichnen. Zuerst hatten seine Kritiker und auch die Anhänger die «Abstammung vom Affen» ins Spiel gebracht. Wallace wiederum entging dem Vorwurf der Ketzerei, indem er die Sprache als jenes Merkmal darstellte, das den Menschen völlig ausserhalb des Tierreichs ansiedle. Woher aber die Sprache kam, erörterte gemäss Wolfe die Wissenschaft noch jahrzehntelang nicht. Das stimmt nicht ganz, denn diese Frage hängt mit jener zusammen, ob das Denken der Sprache vorangehe und allen Menschen gemeinsam sei oder ob es sich je nach Sprache unterscheide.

Der Primat des Denkens lässt sich mindestens bis auf Aristoteles zurückführen, jener der Sprache mindestens bis auf Wilhelm von Humboldt im frühen 19. Jahrhundert. Wie der israelisch-englische Linguist Guy Deutscher in seinem Buch «Im Spiegel der Sprache» (2010) schildert, gab es gegen Ende desselben Jahrhunderts zwischen den beiden Denkschulen eine lebhafte Debatte – aber auf Deutsch, weshalb sie im angelsächsischen Raum kaum zur Kenntnis genommen wurde. Es ging um die Frage, ob Farben überall gleich gesehen würden oder die Wahrnehmung davon abhänge, in welcher Sprache ein Mensch die Farben zu benennen gelernt hatte.

Fragen um die Rangordnung von Denken und Sprache wurden wohl erst dann direkt mit jenen nach der Evolution verknüpft, als der US-Linguist Noam Chomsky 1957 seine These einer Universalgrammatik vorlegte: Dieses «mentale Sprachorgan» sei evolutionär entstanden und allen Menschen angeboren; es werde beim Sprachenlernen bloss unterschiedlich aktiviert. Wolfe schildert eine Art akademischer Mafia, die jede grundsätzliche Kritik an dieser Ansicht unterdrückt habe. Das mag für die USA zutreffen, während anderswo durchaus noch an der Universalgrammatik gezweifelt wurde und vor allem an den Versuchen, ihr bestimmte – für alle Sprachen gültige – Regeln zuzuschreiben.

Und wieder stellt Wolfe dem Stubengelehrten, diesmal Chomsky, einen todesmutigen Landsmann als Forscher im Dschungel entgegen: Dan Everett, der in Brasilien die Sprache der Pirahã erforschte. Diese sehr einfach aufgebaute, aber mit Vogellauten angereicherte Sprache sei mit keinerlei Universalgrammatik zu erklären, befand Everett in den Achtzigerjahren, sondern allein mit der Lebensweise. Das schliesst nicht aus, dass auch diese Sprache dank angeborenen Fähigkeiten erlernt wird. Wolfe will aber Sprache als Errungenschaft allein der Kultur sehen, und dank ihr habe der Mensch nicht nur die eigene Evolution abgeschlossen, sondern auch jene der anderen Arten: Das Königreich der Tiere sei eine Kolonie des menschlichen Königreichs der Sprache geworden.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)