«Der Bund», 19. 5.  2017

Dich, mein Digi-Tal, grüss ich 1000 ✕

Ausser in Zeitungstiteln ist mir das «Digi-Tal» noch nicht begegnet – dabei wäre es doch ein hübsches Motto für ein deutschsprachiges Gebiet, das dem kalifornischen Silicon Valley als elektronisches Nervenzentrum nacheifern möchte. Denn für alles, was mit Computern zu tun hat, hat sich «digital» als gebräuchlichstes Adjektiv durchgesetzt, nicht «elektronisch», «informatisch» oder gar «rechnergestützt». Der digitale Siegeszug in der Sprache ist weniger selbstverständlich, als er im Rückblick erscheinen mag, denn der lateinische «digitus», auf dem er beruht, ist schlicht und einfach ein Finger.

Vor seiner elektronischen Karriere machte der Finger er auch schon eine botanische: Digitalis heisst der Fingerhut, je nach Dosis heilsam oder giftig. Das mag auch für die digitale Welt zutreffen, um die es hier geht. Ihre Bezeichnung beruht nicht auf dem Finger, der über Tastatur oder Bildschirm huscht, sondern auf jenem, mit dem man abzählt. Ein einziger reicht: gestreckt bedeutet 1, gebogen 0. Aufs Rechnerwesen übertragen: Strom oder kein Strom, es muss nicht einmal elektrischer sein; ich habe an Ausstellungen schon Wasser oder Druckluft rechnen gesehen.

Der kleine Unterschied, der «digital» zum zeitbeherrschenden Markenzeichen gemacht hat, ist jener zu «analog»: Rechner, bei denen es auf die Stärke des Stroms ankommt, nicht nur auf dessen Sein oder Nichtsein – solche analogen Rechner gibt oder gab es durchaus, nur haben sie sich als weniger vielseitig erwiesen. Und deshalb haben sie die Bezeichnung «analog» an die reale Welt abtreten müssen, die uns unsere Sinne als stufenlose Vielfalt darstellen. Teilchenphysiker sehen das zwar anders, aber für den Alltag reicht die «Analogie», und sie reicht auch für die Wiedergabe auf bekritzeltem Papier, in flimmernden Filmen und auf staubanfälligen Schallplatten.

Schier alles andere ist heute «digital». Deutsche Sprachwissenschafter haben eine Liste angelegt und darüber in der Zeitschrift «Sprachnachrichten» berichtet; sie haben «mehr als 1500 verschiedene Auftritte in den deutschen Medien der letzten Monate» gezählt. Digital waren u. a. Dämmerschlaf, Demenz, Dreckschleuder, Menschwerdung, Flüchtlingsgipfel, Kleinstaaterei, Staubsauger. Mit digitaler Hilfe, mit klug programmierter Auswertung von Mediendatenbanken, wüchse die Liste wohl bis in den fünfstelligen Bereich.

Aber nur schon die analoge Suche, von blossem Auge in gedruckten Zeitungen, ergibt in kurzer Zeit allerhand Belege dafür, dass das Digitale vor nichts haltmacht. Es gibt sogar die «digitale Realität»: Mit ihr müssen sich Kulturschaffende abfinden, wenn sie ihr Wirken in die analoge Welt hinaustragen wollen. Dafür bekommen sie auf manchen Berner Bühnen eine «digitale Spielwiese». Ihnen und allen anderen Leuten droht oder winkt die «digitale Identitätslösung»; dass auch Räume, Revolutionen, Zeitalter digital sein können, versteht sich schon von selbst. Überraschender ist, wo das «digitale Eldorado» zu finden sei: in Kamerun, in einem örtlichen Digi-Tal eben.

Die digitale Menschwerdung indessen wird erst digital sichtbar: Die Einladung auf dem Telefonschirm, Zeitungsartikel ebendort anzuschauen, ist öfters von einem «digitalen Blattmacher» unterzeichnet. Nun haben elektronische Roboter zwar auch schon beim Verfassen und Gestalten von Nachrichtenblättern ihre Finger im Spiel, aber der unterzeichnende Chef scheint immerhin aus Fleisch und Blut zu sein, verbal von seinem Metier infiziert. Vielleicht ist er ja auch ein randloser Brillenträger, von seiner Sehhilfe angesteckt, oder gar ein vierstöckiger Hausbesitzer, von seinem Eigentum gezeichnet. Im Lese-Angebot gabs eine «digitale Unabhängigkeitserklärung». Die liegt auch auf Papier vor, der Titel ist nur schlecht übersetzt, denn die Erklärung gilt der Unabhängigkeit des digitalen Raums. Die wird von «müden Riesen aus Fleisch und Stahl» bedroht, von den analogen Regierungen.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)