«Der Bund», 4. 12.  2015

Was die Alten sungen, entkräften die Jungen

Wörter wie «Luftschnapp» oder «Megaknuddel» dienten Wolf Schneider 2005 als Beleg für folgendes Urteil in der «Zeit»: «Die Grammatik ist unter jungen Leuten unpopulär, ihr Wortschatz schrumpft, und viele Siebzehnjährige betreiben das Sprechen so, als ob es ein Nebenprodukt des Gummikauens wäre.» Als Erweiterung des Wortschatzes mochte der Altmeister der Sprachkritik jene Kreationen offensichtlich nicht gelten lassen. Er hatte sie nach eigenem Bekunden bei «den plauderfreudigsten unter den Computer-Nutzern» gefunden – bei jenen, die «so chatten».

«Luftschnapp» und «Megaknuddel» dürften heutzutage nicht mehr die grössten Renner sein, aber saloppe Kurzformeln gehören zum Sprachrepertoire des «Chattens» und neuerer Formen des elektronischen Schriftverkehrs, um nicht zu sagen des «Netzschreibs». Hierzulande gehört auch die Mundart dazu, wohl nicht zuletzt deshalb, weil es dafür keine verbindlichen Regeln gibt. Da findet sich reichlich Stoff fürs Jammern über den Verfall der (Hoch-)Sprache – besonders jener von Jugendlichen oder auch von Medien. Schneiders Klage hat viele Vor- und Nachläufer, und noch älter ist die Tradition, bei der Jugend allgemeinen Sittenzerfall zu tadeln. Träfe alles zu, wären Sitten und Sprache längst dahin.

Junge Leute können sehr wohl unterscheiden zwischen der Sprache, mit der sie untereinander verkehren, und jener, die gegenüber Erwachsenen oder in schriftlichen Arbeiten am Platz ist. Das zeigt eine Zofinger Gymnasialklasse mit dem Dezemberheft der Zeitschrift «Sprachspiegel». Sie hat als Klassenprojekt in fünf Gruppen untersucht, wie Jugendliche mit verschiedenen Aspekten der Sprache umgehen – und ihre Erkenntnisse in praktisch druckreifen Texten präsentiert.

Eine Gruppe nahm sich den eigenen Ton im Gespräch mit verschiedenartigen Partnern vor. Eine andere liess Alt und Jung eine Party-Einladung als Kurzmitteilung formulieren und kam zum Schluss, dass «die Jugendlichen ohne Bedenken auch gerne mal eine Whatsapp-Nachricht auf Schweizerdeutsch an ältere Personen verschicken» dürfen. Beleuchtet werden auch Balkandeutsch, Grobheiten und andere Moden der Jugendsprache, samt aktuellem Wörterbuch und dem tröstlichen Fazit: «Wie die Schulterpolster der achtziger Jahre geht jeder Modetrend irgendeinmal wieder vorbei.» Eine rasante Antwort auf die Unkenrufe über den Sprachverfall findet, wer dem Tipp folgt, auf Youtube das Berliner Duo «Space Frogs» zu besuchen.

Zu gefallen braucht Erwachsenen nichts von alledem – dazu ist es ja auch nicht da. Aber aus jugendlichen Sprachkapriolen ist nicht zu schliessen, da sei gar keine (andere) Sprachkompetenz mehr vorhanden. Freilich darf auch der Gegenbeweis, den die Zofinger Klasse mit ihren vielfältigen Texten erbracht hat, nicht verallgemeinert werden – wohl nicht einmal für jene, die ein Gymnasium besuchen. Dann allzu verbreitet sind Klagen aus weiterführenden Schulen aller Stufen, man müsse beim sprachlichen Ausdruck nachzuholen versuchen, was auf unteren Ebenen versäumt worden sei. Ohne auf die Lehrplan-Debatte einzugehen: Es würde sicher nichts schaden, wenn Jugendliche mehr läsen und grundlegende Sprachregeln beherrschten.

Solange sie wissen, was sie tun, können sie in passendem Rahmen ruhig auch einmal Regeln verletzen. Etwa indem sie endungslose Verbformen à la «schnapp» oder «knuddel» verwenden, wie sie Wolf Schneider ein Graus sind, aber auch schon bei Wilhelm Busch vorkommen. Die Sprachwissenschaft hat dieser Form die Bezeichnung «Inflektiv» verpasst, im Scherz auch «Erikativ». Dies zu Ehren der Mickymaus-Übersetzerin Erika Fuchs, die das «falsche» Reden mit «ächz» und «stöhn» zur Kunstform entwickelt hat. Gewusst wo, können eben auch Fehler richtig sein.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)