«Der Bund», 9. 10.  2015

Wo die Dolmetscherin im Telefon sitzt

Können Computer denken? Die Antwort darauf kann man, ganz unabhängig von den Fähigkeiten der Computer, durch die Definition von «denken» steuern. Der englische Computerpionier Alan Turing schlug 1950 vor, die Definition in eine Versuchsanordnung einzubauen: Kann ein Mensch in einer Fernschreiber-Konversation unterscheiden, ob er es mit einem Menschen oder einer Maschine zu tun hat? Das Verfahren ist seither als Turing-Test vielfach ausprobiert worden, je nach Ausgestaltung mit unterschiedlichem, aber mit dem Fortschritt der Computertechnik zunehmendem Erfolg.

Eine Fähigkeit, die man gemeinhin mit dem Denken verbindet, ist das Übersetzen. Es gibt inzwischen allerhand Programme, die von einfachen Texten ganz brauchbare Rohübersetzungen liefern; allerdings selten so, dass man sie wirklich für Produkte eines einigermassen geschulten menschlichen Geistes halten könnte. Viele Wörterbücher und Übersetzer sind als Apps für Mobilgeräte erhältlich; einige, die auch ohne App gut aufs Handy passen, habe ich unter m.sprachlust.ch zusammengestellt (für grössere Bildschirme: sprachlust.ch/Wie) – ohne Gewähr für menschliche Qualität.

Manche dieser Programme nehmen Texte auch als Diktat auf und geben die Übersetzung akustisch aus, vorerst in wenigen Sprachen und trotz grossen Fortschritten noch in einem Tonfall, der den Computer verrät. Mündliche Konversationen hatte Turing gar noch nicht verlangt; ihm ging es darum, aus den Antworten auf Sprach- und Weltkenntnisse zu schliessen. Gerade das (vom Turing-Test auch noch nicht anvisierte) Übersetzen erfordert ja, dass die Texte in einem gewissen Sinn verstanden werden. Noch ist es ein Leichtes, Computer mit Mehrdeutigkeiten hinters Licht zu führen. Legendär, ob echt oder erfunden, ist die englische Wiedergabe von «Aus den Augen, aus dem Sinn»: «invisible idiot».

Redensarten gehören ohnehin zur hohen Schule des Übersetzens. Gibt man eine schwer verständliche wie «wider den Stachel löcken» ein, so ist gute Unterhaltung garantiert – erst recht, wenn man nicht Englisch, sondern zum Beispiel Französisch verlangt: Dann schimmert oft der Zwischenschritt des Programms übers Englische durch. Von den getesteten Übersetzern lieferte einzig jener von Google ein Resultat, das wie die deutsche Redensart etwas mit dem bockigen Springen eines rüde angetriebenen Tiers zu tun hat: «regimber contre les aiguillons». Die redensartliche Entsprechung fand ich bei den Profi-Wörterbüchern Leo und Pons: «ruer dans les brancards», auch mit guten Rückübersetzungen (ausser in der App-Version von Pons: «Kickass in Bahren»; «brancards» sind eben, nebst Gabeldeichseln, auch Tragbahren).

Bemerkenswert ist auch der gepflegte Unsinn «contre les piqûres des personnes portées disparues»; da ist wohl «löcken» via «Lücken» zu «Vermisste» geworden, und diese haben Stiche erlitten oder gar ausgeteilt. Das Resultat stammt von der vordersten Front der Übersetzungstechnik: Der Telefondienst Skype wagt sich ans Dolmetschen, indem er bei jeder Atempause die Übersetzung einspielt, wahlweise mit männlicher oder weiblicher Stimme. Der Skype Translator ist erst als Testprogramm erhältlich, für Windows 8.1 oder 10; mündlich in sechs Sprachen, gar in fünfzig fürs schriftliche Plaudern (Chat).

So etwas hätte sich Turing wohl kaum träumen lassen. Es war, zugegeben, ein unfairer Einstieg, der Telefon-Dolmetscherin gerade die Redensart mit dem raren Wort «löcken» (springen) zuzumuten. Wenn man indessen ein einfaches Gespräch führt, so hat man gute Chancen auf ein ordentliches Resultat. Man kann zum Beispiel einen Treffpunkt vereinbaren und den Weg dorthin erklären. Wichtig ist, dass nur eine Person aufs Mal redet, deutlich und mit sinnvollen Pausen. Kurzum: Man muss der Maschine vorgaukeln, man sei selber auch eine. Dann hat man den Turing-Test in umgekehrter Richtung bestanden.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)