«Der Bund», 28.  8.  2015

Es ist zum Schauern, eine kalte Dusche

Das Ringen des Telefons schreckt sie auf. Ist es wieder der Typ, der sie harassiert und Namen nennt? Sie nimmt trotzdem ab und merkt erleichtert, dass nur Werbung einkickt. Ein neuer Brand wird ihr angepriesen, ein wunderbares Erlebnis beim Schoppen; sie müsse das unbedingt beim Brausen im Laden spotten und dann ihren Freunden posten. Das wird sie nicht tun, denn Verkäufern kann sie in die Augen schauen, ohne zu blinken.

Kommt Ihnen diese Geschichte spanisch vor? Dann sind Sie nicht ganz auf der richtigen Spur: Englisch trifft es besser. Zwar besteht die Story aus lauter deutschen Wörtern, aber etliche davon werden in jener Bedeutung verwendet, die sie gleichlautend im Englischen haben. Und keine dieser Verwendungen ist frei erfunden: Sogar für jene, die ich nur präventiv erwähnen wollte, gibt es Belege im Deutschen, zum Teil sogar erstaunlich alte.

Das «Ringen» wird zwar «einem dieser alten Telefonapparate, einem mit Wählscheibe und silbernen Glocken» zugeschrieben, aber in einem neuen Buch, einem «dieser» Kriminalromane mit Lokalkolorit, hier sogar bernischem. Nur das Wort will nicht so recht dazu passen, spriesst es doch direkt aus «to ring». Etwas weniger selten ist «harassieren», heute wohl vom englischen «harassment» inspiriert, der (justiziablen) Belästigung. In einer Filmbesprechung geht es darum, wie in Kairo Bauchtänzerinnen «von der Polizei harassiert» werden, aber gewiss nicht in Harasse gepfercht. Doch das Verb steht schon in Meyers Konversations-Lexikon von 1888: «(franz.), abmatten». Dieses Wort erhellen dank Google Books noch ältere Bücher: Es geht um die militärische Taktik, den Gegner durch ständige Nadelstiche zu ermüden.

Und wenn der befürchtete Typ am Telefon «Namen nennt», will er damit die Angerufene erpressen? In einem PR-Artikel ging es neulich um etwas anderes: Eine Firma wurde von einem Kunden als (Bande von) «Vollidioten» betitelt und bat ihn, «darauf (zu) verzichten, uns Namen zu nennen» – also zu beschimpfen («to call us names»). Zurück zum Telefonat: Dabei hat also Werbung eingekickt, nicht den Ball ins Tor, sondern sie hat eingesetzt, ist ins Spiel gekommen. «To kick in» wurde jüngst in einer Filmkritik zu «einkicken» ohne Objekt: Da kickte die Moral ein. Dass der «Brand», englisch ausgesprochen, auch auf Deutsch eine Marke bedeuten kann, ist Duden-konform; schliesslich kommt er vom Brandmal im Rinderfell. Aber man kann trotzdem auch an einen Weinbrand denken, wenn man am Telefon im gleichen Atemzug «Schoppen» hört. Das tönt ja auf Deutsch gleich wie «shoppen» («einen Einkaufsbummel machen», erklärt der Duden rührend).

Auch das vermeintliche «Brausen» im Laden ist akustisch zu erklären. Man ist zwar hierzulande erst im Internet mit dem «Browser» zugange, aber man darf diesen laut Duden auch deutsch aussprechen. Auf Englisch konnte man schon in der realen Welt «browse», stöbern, als es noch keine andere Welt gab. «Posten» wiederum ist in der Schweiz eine durchaus im Laden stattfindende Tätigkeit. Aber hier hätte die Duden-konforme Aussprache «pousten» verraten, dass es um «Kommentare an Newsgroups» ging – auch das ein schon wieder rührend altmodischer Ausdruck für «soziale», also gesellige Medien.

Wenn man «am Zaun mit Leiter spotten möchte», wie es ein Verein von Flugzeugfans im Internet empfiehlt, dann sagt einem der Duden (noch) nicht, wie man es auszusprechen hat. Aber Wikipedia weiss, dass ein Spotter kein Spötter ist, sondern «to spot» betreibt («ausmachen, orten»). Den vermeintlichen Anglizismus «mit den Augen blinken» statt «blinzeln» habe ich unlängst am Radio gehört. Das Wort steht aber so auch schon im «Dritten Theil» der «Betrachtungen in der Lehre von den Kopfwunden» des «Königlichdänischen Regimentsfeldscheers» Ferdinand Martini (1782). Ja, auch auf Dänisch «blinken» Augen. Und wenn sie in manchen Gegenden Deutschlands blinken, so zwinkern sie.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)