«Der Bund», 3. 7.  2015

Lieber politisch klug als politisch korrekt

Präsident Obama hat «Nigger» gesagt. Darf er das, und wenn er es darf, dürfen es dann auch andere? Die leider mit Komplikationen verbundene Antwort auf beide Fragen lautet: Es kommt drauf an. Zunächst: Der Gebrauch dieses «N-Worts» oder auch des – als weniger abschätzig empfundenen – «negro» oder «Neger» ist kein Privileg des Amts oder der Hautfarbe. Und das Dürfen ist nur den schwammigen Regeln der politischen Korrektheit unterworfen sowie staatlichen Gesetzen gegen Rassismus oder für Persönlichkeitsschutz.

Obama brauchte das Wort nicht gerade bei der Abdankung für die Opfer des rassistischen Mörders in der AME-Kirche von Charleston, aber in einem Interview im gleichen Zusammenhang. Er sagte, die USA seien vom Rassismus «nicht geheilt», und es gehe «nicht nur darum, dass es unhöflich ist, in der Öffentlichkeit ‹Nigger› zu sagen» – das sei nicht der Massstab fürs Fortbestehen des Rassismus. Damit sagte er etwas Wesentliches über die – mit «politischer Korrektheit» gemeinten – Bemühungen, via Sprache eine erwünschte Gesinnung herbeizuführen: Wenn eine Sprachregelung eingehalten wird, beweist das nicht, dass sie in den Köpfen etwas bewirkt hat.

Negative Einstellungen, die manche Leute mit einem Wort verbinden, können sich auch aufs Ersatzwort übertragen: Ist es verpönt, «Neger» zu sagen, so stossen «Schwarze» auf die gleichen Vorurteile, und wenn man dieses Wort durch «Farbige» ersetzt, so hat man sich beim Vokabular der einstigen, mehrstufigen Rassentrennung in Südafrika bedient und den betroffenen Menschen kaum einen Dienst geleistet. Das Grundproblem bleibt, dass viele Leute die Menschheit in Rassen einteilen und viele mit dieser Einteilung unterschiedliche Bewertungen oder gar Rechte verbinden.

Amerikanische Studenten setzten sich in den 1980-er Jahren vermehrt für Gleichberechtigung ohne Ansehen der Hautfarbe oder des Geschlechts ein. Sie forderten, der Lehrstoff und der Sprachgebrauch müssten «politically correct» sein. Der Begriff fand aber, wie in der Wikipedia nachzulesen ist, erst dann grössere Verbreitung, als manche Hochschulen entsprechende Vorschriften erliessen und Gegner dies als «Gesinnungsterror» anprangerten. Auch auf Deutsch reden vorab Kritiker von «politischer Korrektheit». Daher ist es heute kaum noch politisch korrekt, «politisch korrekt» zu sagen, denn man setzt sich damit dem Verdacht aus, irgendeine Diskriminierung zu verteidigen.

Wer wie Obama über Zusammenhänge zwischen «Nigger» und Rassismus reden will, braucht keinen Bogen um das Wort zu machen. Wird es aber als Bezeichnung für eine Person verwendet, so ist es beleidigend – ausser wenn sich Vertreter oder Nachahmer der amerikanischen Ghetto-Jugendkultur freundschaftlich mit «Nigga» begrüssen. «Neger» wiederum wird laut Duden in jüngerer Zeit «häufig als diskriminierend» empfunden. Ob es auch so gemeint ist, lässt sich meistens leicht aus dem Zusammenhang erkennen. Alte Kinderbücher muss man nicht umschreiben, sondern erklären: Schlimm ist nicht, dass Globi zu den «Negern» reiste, sondern dass er wie ein Kolonialherr auftrat. Wer Afrikanern auf Augenhöhe begegnet, nennt sie besser so – «Afrikaner» eben, alle Hautschattierungen eingeschlossen.

Als der Berner Regierungsrat Käser letztes Jahr von «Negerbuebli» redete, für welche «die Schweiz das Schlaraffenland» sei, hätte er besser «Buebli in Afrika» gesagt: Es ging ja darum, woher die Flüchtlinge kommen, nicht um ihre Hautfarbe; so jedenfalls war seine nachträgliche Entschuldigung zu verstehen. Was Käser nicht darf, durfte dagegen Senegals Gründerpräsident Senghor: Er gehörte einer Bewegung von Intellektuellen mit Wurzeln südlich der Sahara an, die eine kulturelle und politische Renaissance im Namen der «négritude» vorantrieben – aus heutiger Sicht eine Art positiver Rassismus.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)