«Wiener Sprachblätter», 1/2019

«Sprachideologie» ist in Wirklichkeit Pragmatismus

Die WSB (4/2018, S. 34) haben eine Mitte 2016 unter dem Titel «Sprachideologie» erschienene Polemik der Schweizer «Weltwoche»* aufgegriffen. Schon bei Erscheinen haltlos, ist der Angriff auf Bundesrat (Minister) Alain Berset seither gegenstandslos geworden: Mehrere kantonale Abstimmungen haben die Harmonisierung der Lehrpläne bestätigt, gegen die sich laut der Zeitung «die Bevölkerung wehrte».

Die Schweizerische Volkspartei, der die «Weltwoche» nahesteht, scheiterte mit ihren Begehren gegen die angebliche Vereinheitlichung des Schulwesens. Dabei spricht der – 2006 vom Stimmvolk beschlossene – Verfassungsartikel mit Bedacht von «Harmonisierung», setzt Eckwerte und überlässt es den Kantonen, Einzelheiten festzulegen. Ein wichtiges Argument bei der Volksabstimmung war, dass der Umzug von einem Kanton in einen (gleichsprachigen) anderen die Familien nicht mehr vor grössere Schulprobleme stellen sollte, was noch heute oft der Fall ist.

Die «Weltwoche» teilt sowohl gegen Sozialdemokraten als auch gegen Welschschweizer gern aus; Berset ist beides. So reichte es als Reizwort, dass er an die Verfassungsbestimmung erinnert hatte, nach welcher der Bund «die nötigen Vorschriften erlässt», sollten die Kantone das versäumen. Die Zeitung hätte sich die Mutmassung schenken können, der Bundesrat habe sein «Machtwort … wohl auf Französisch» gesprochen: Berset, der auch Deutsch hervorragend beherrscht, sprach in Ausübung seiner Amtspflichten selbstverständlich französisch, als er im Dezember 2015 den Standpunkt der Regierung im Parlament darlegte. Das Protokoll ist im Internet greifbar, samt Videoaufnahme.

Es ging dabei um den Fremdsprachenunterricht. Die Regierungen aller Kantone hatten sich bereits 2004 darauf geeinigt, schon von der Primarschule (Grundschule) an zwei Fremdsprachen zu lehren, davon mindestens eine einheimische. Hintergrund war, dass Zürich (wo die «Weltwoche» erscheint) den Unterricht in Französisch hinter jenen in Englisch zurückgestellt hatte; weitere Kantone schlossen sich dem an, vor allem im Osten des Landes, fernab der Sprachgrenze. Der Kompromiss der Regierungen stellt den Kantonen frei, mit welcher Sprache sie beginnen, aber zum Ende der obligatorischen Schulzeit soll in beiden Sprachen der gleiche Stand erreicht sein. Heute ist diese Regelung Teil einer Vereinbarung zur Schulharmonisierung («HarmoS-Konkordat»). Die Grafik stellt den aktuellen Stand der Verwirklichung dar, mit leichten Abweichungen in drei (auf der Karte schraffierten) Kantonen; bei den eingeklammerten HarmoS-Schuljahren sind zwei Jahre Kindergarten mitgezählt.

Karte

AG: Englisch ab 3. Schuljahr und Französisch ab 6. Schuljahr. Vorverlegung Französisch auf das 5. Schuljahr erfolgt zusammen mit der Einführung des Lehrplans 21 im Schuljahr 2020/2021
UR/AI: Englisch ab 3. Schuljahr und Französisch ab 7. Schuljahr. UR: Wahlpflichtfach Italienisch ab 5. Schuljahr.

Der Verweis der «Weltwoche», das Schweizer Sprachengesetz verlange nur «Kompetenzen» in mindestens einer weiteren Landessprache, trifft zwar zu, nicht aber der (sprachlich bezeichnende) Kommentar des Blattes: «That’s it.» Weder reichen beliebig dürftige Kompetenzen, noch sind sie die einzige Pflicht der Kantone bei der Harmonisierung (siehe oben). Nach den gescheiterten Versuchen, mithilfe des kantonalen Volkswillens den schweizerischen auszuhebeln, gleichen sich die Lehrpläne allmählich an. Zwischen Kantonen mit globalisierendem Frühenglisch und solchen mit freundeidgenössischem Frühfranzösisch (oder -italienisch) zu wechseln, wird trotzdem kein Kinderspiel sein.

Daniel Goldstein (Sprachkolumnist des «Bund», Bern, und Redaktor des «Sprachspiegels», Zürich)

* abgedruckt in der PDF-Version (X)