«Der Bund», 12. 12.  2014

Auf Deutsch lässt sich viel behaupten

«Bundesrat Berset glaubt mit seiner Rentenreform gewinnen zu können.» Und wir glauben der Zeitung gern, dass sie glaubt, dass Berset das glaubt. Schliesslich hat er ja vor der Presse seinem Glauben beredten Ausdruck verliehen. Und doch ist der zitierte Satz streng genommen eine Anmassung: Wer weiss schon zuverlässig, was eine andere Person wirklich glaubt oder will, oder wovon sie überzeugt ist?

Sätze, mit denen jemandem Glauben, Willen oder Überzeugung zugeschrieben wird, sind in Zeitungen häufig. So häufig, dass sie wohl meistens schon richtig verstanden werden – nämlich als Mitteilung, die genannte Person habe sich in diesem Sinn geäussert. Oder sie habe etwas getan, das auf die entsprechende Haltung schliessen lässt. Es wäre ja auch mühsam, jedes Mal schreiben bzw. lesen zu müssen, jemand habe gesagt, etwas zu wollen, zu glauben oder als Überzeugung zu hegen. Manchmal indessen kommt es wirklich darauf an: Wenn ein Politiker beteuert, er wolle mit der Gegenseite einen Kompromiss finden, dann will er es vielleicht wirklich – aber es könnte auch sein, dass er ihr nur den Schwarzen Peter zuschieben will.

Angelsächsischen Journalisten wird eingetrichtert, fein säuberlich zwischen Fakten und Äusserungen zu unterscheiden, und so wimmelt es in ihren Berichten von «he said» und «she said». Man könnte das auch auf Deutsch so halten, tut es aber selten. Das liegt nicht an der Sprache, sondern an der journalistischen Kultur: Wertende Kommentare werden zwar auch bei uns im Prinzip abgetrennt, Einordnungen aber baut man gern in die Berichte ein und nimmt dafür in Kauf, dass die reine Nachricht nicht mehr klar erkennbar ist.

Das kann man auf Deutsch tun, und man könnte es auch auf Englisch. Nicht aber in vielen aussereuropäischen Zungen, wie Nicholas Evans im Buch «Wenn Sprachen sterben und was wir mit ihnen verlieren» (Verlag C. H. Beck, 2014) darlegt. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der wir sagen, «ich möchte Wasser trinken», sagen wir auch «er möchte Wasser trinken». Im Japanischen lässt sich nur der erste Satz genau so wiedergeben; beim zweiten muss man dem Umstand Rechnung tragen, dass man den Wunsch oder die Absicht einer anderen Person nicht mit gleicher Zuverlässigkeit kennen kann. Die passenden Verbformen bedeuten etwa «er möchte offensichtlich Wasser trinken» oder «es scheint, dass er Wasser trinken möchte».

Im Koreanischen weicht das Futurum einer «Vermutungsform», wenn es um andere Personen geht. Newari, eine mit dem Tibetischen verwandte Sprache in Nepal, unterscheidet für die sprechende Person zwischen willentlich herbeigeführten und unbeabsichtigten Ereignissen. Für andere Personen kann man die willentliche Verbform nur in Fragen verwenden; in Aussagen lässt man durch die andere Form offen, ob Willen dahintersteckte.

Es gibt nicht nur den «Unterschied zwischen dem, was inneres, subjektives Wissen ist, und dem, was äusserlich sichtbar und daher allen als Informationsquelle zugänglich ist». Im Buch werden verschiedene Verbformen aus dem beinahe ausgestorbenen Östlichen Pomo in Kalifornien angeführt: Die Übersetzung von «es brannte» muss eines von vier möglichen Anhängseln tragen, je nachdem, ob man es am eigenen Leib erfahren hat, über direkte andere Hinweise verfügt, über indirekte Hinweise oder über Informationen anderer. Während man solche Angaben auf Deutsch zufügen oder weglassen kann, wird man im Pomo von der Grammatik dazu gezwungen, sie zu machen. Derartige «gut ausgebaute Evidentialitätssysteme» findet man laut Evans bei vielen indigenen Sprachen ganz Amerikas, aber auch in der Türkei, im Kaukasus, im Himalaya oder in Neuguinea. Es mit den Quellen genau zu nehmen, saugt man dort also mit der Muttersprache ein.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)