«Der Bund», 28. 11.  2014

Wo der Appetit vor dem Essen vergeht

Die Erlebnisgastronomie ist auch eine sprachliche – um es einmal mit der ihr eigenen Eleganz zu sagen. Dass der Gurten mit der Formulierung «Als Single oder zu zweit lässt es sich gemütlich im Caquelon rühren» zum Plausch im Käsegeschirr lockt, war im «Bund» kürzlich schon zu lesen. Aber die zweifelhaften Vergnügungen fangen schon unten in der Stadt an, neuerdings gleich beim Verlassen des Bahnhofs. «Gang da lang», gebieten Schilder, um arglose Passanten um einige Ecken in die neue Gaststätte im Burgerspittel zu lotsen.

Fehlt da etwa ein Komma, und die Aufforderung richtet sich bloss an eine Gang? Oder erlaubt sich die Innerschweizer Restaurantkette, Bernerinnen und Berner zu duzen und in Mundart zum Gehen aufzufordern? Eben «da lang», damit auch deutsche Gäste wissen, wos langgeht? Vielleicht finden diese es gar putzig, mit solchem «Schwitzertütsch» angemacht zu werden. Einheimischen dürfte es eher in den falschen Hals geraten.

Wer (miss)mutig den Gang ins Lokal dennoch antritt, stösst auf eine geballte Ladung jener Eigentümlichkeiten, die sich heute auf Menukarten breitmachen. Meistens sind die Angebote, wie kürzlich an dieser Stelle bereits aufgespiesst, möglichst unverbindlich – es fehlen ihnen also die Bindestriche. Hier zum Beispiel beim «Dörrtomaten Risotto». Wenigstens eines der Strichlein ist wundersamerweise ins «Randen-Pastinakenpürree» geraten. Noch besser dürfte dieses Gericht munden, wenn das überzählige r wegfiele und vor dem Püree ein weiterer Bindestrich stünde. Denn die beiden Gemüse werden ja wohl miteinander püriert; es wird nicht ein Pastinakenpüree nachträglich noch mit Randen versetzt. Vielleicht hat aber auch noch ein Porree den Weg ins Püree oder wenigstens in den Namen gefunden – für die deutschen Kunden, und die kundigen Einheimischen erraten via Poireau den Lauch.

Die deftigeren Gerichte wollen aber zuerst verdient sein, voran steht das Apéro-Erlebnis auf der Karte: «Ein Hauch von Süden». Nicht dass die Getränke bloss von heisser Luft begleitet würden: Man kann mit den Häppchen gar seine eigene «Inszenierung» veranstalten, indem man sie am Buffet auf den Teller dressiert. So sieht wohl heute kulinarische Urbanität aus – «Älpler Magrone» inbegriffen.

Wer dem urbanen Gastro-Erlebnis trotz imperativem Wegweiser widersteht, kann sich auch beim nahen Grossverteiler eindecken: «Feinherbes Genusserlebnis aus extradunkler Zartbitterschokolade» verheisst die Umhüllung. Da sie tafelförmig ist, darf man vermuten, es sei tatsächlich eine Tafel drin und nicht bloss etwas, das herauskommt, wenn man aus Schokolade ein Genusserlebnis macht. Schliesslich steht auf Französisch «Chocolat», und erst noch «irrésistible» im Geschmack.

Kommt etwas Essbares zum Vorschein, so lässt sich beim Knabbern unter den Lauben – Verpackung nicht wegwerfen! – ein weiteres Kapitel Berner Bindestrich-Geschichte studieren. «Robert Walser Zentrum» steht an jenem Hauseingang, wo sich offiziell das «Robert Walser-Zentrum» befindet. Die unverbundene Schreibweise hat wohl nichts damit zu tun, dass sich die «Sprachlupe» einst über des Dichters Ehe mit einem Fräulein Zentrum lustig machte. Denn die Empfehlung lautete, «Robert-Walser-Zentrum» zu schreiben oder sich das Zentrum Paul Klee zum Vorbild zu nehmen. Das Robert Walser-Zentrum jedoch gab sich beratungsresistent – moderesistent hingegen scheint es nicht zu sein, und so kommt es zur Strasse hin bindestrichfrei daher. Eine solche Anreihung wäre auf Englisch brauchbar, aber sie verwandelt Deutsch in Gebrabbel. Armer Robert Walser! Und eine Wirtschaft, die ihm sprachlichen Trost gewährt, fände er auch nicht so leicht.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)