«Der Bund», 14. 11.  2014

Mit Gottfried Keller im Keller der Sprache

Gottfried Keller zu lesen, kann Ihnen manches Aha-Erlebnis bescheren. So durchleuchtet er Befindlichkeiten und Verhaltensweisen, die sich seit seinen Zeiten in Seldwyla und Umgebung gar nicht so sehr verändert haben. Aber nicht darum soll es hier gehen, sondern um die Sprache, deren Wandel auch nicht so gewaltig ist, dass das Lesen Mühe bereiten würde, aber doch an manchen Stellen so markant, dass es auffällt.

So verwendet Keller da und dort das Wort «Selde», das heute kaum noch jemand kennt, auch der Duden nicht. Es ist, wie man jeweils aus dem Zusammenhang merkt oder in Grimms Wörterbuch nachschlagen kann, ein «kleines ländliches Anwesen». Und, aha, es stand «Seldwyla» zu Gevatter, wie auch dem real existierenden Selnau (einst Seldenau) – damals bei, heute in Zürich. Dass der Schriftsteller seiner Heimatstadt «Züricher Novellen» widmete, tönt nicht erst heute für Schweizer Ohren befremdlich. Walter Morgenthaler, der die historisch-kritische Neuausgabe leitete, erklärt die i-Schreibung als «Anpassung an die deutsche Leserschaft»; allerdings sei sie damals auch in Zürich und sogar in Kellers Korrespondenz gelegentlich vorgekommen.

Zu rätseln gibt «der Vorwurf, ein Schwätzer und Kannegiesser zu sein». Hier bestätigt der Duden die Ahnung, beide Wörter bedeuteten ungefähr dasselbe: Der K. ist ein politischer Schwätzer. Ursprünglich war er, wie Wanders Sprichwörter-Lexikon lehrt, ein Zinngiesser. Dank einer dänischen Komödie von 1722 gelangte dann ein politisierender Vertreter dieser Zunft zur zweifelhaften Ehre, den Wortsinn umzugiessen. Frauen kommen nicht unbedingt besser weg: «Das sind Kindergedanken und Weibernücken» (Schrullen).

Liest man von einem, der «der Katze den Schmer abgekauft» hat, dann kommt einem vielleicht in den Sinn, dass Schmer Schmalz ist – aber dass die Redensart einen schlechten Handel bedeutet, erklärt einem Keller gleich selber («Spiegel, das Kätzchen», das seinen Schmer schlau verkaufte). Vernimmt man den guten Vorsatz, «nicht einen Deut auszugeben», so versteht man das schon – und man erhält indirekt einen Hinweis auf den Ursprung von «keinen Deut»: Der Deut war eine holländische Münze. Schwieriger zu deuten ist es, wenn die Seldwyler «zu langsam und zu häcklich» sind, um sich gegen Amtswillkür zu wehren. Der Duden von 1897 kennt «häk(e)lig», erklärt es aber nicht. Historische Wörterbücher nennen schwierige Menschen so, eben mit Haken versehen. Bei Keller sind sie wohl umständlich. Ganz im Gegensatz zum Kammmacher, der «strack» auf der engen Bettstatt liegt, steif ausgestreckt.

Im Original hatte der Kammacher erst zwei m, und so gefällt er auch heute besser, entgegen der Reform. Weitere Fundstücke zeigen ebenfalls, dass die Rechtschreibung nicht in Stein gemeisselt ist, und die Grammatik ebenso wenig: «er gleitete aus», «mit nichten» in zwei Wörtern, der Akkusativ «einen Fuchsen», die Genitive «des Herzogen», «des Greisen», «des Schelmen». Überraschen kann weiterhin die Wortverwendung: «Kolumbus, der das schöne Land erfunden hatte»; ein Knabe, der «vom hässlichsten Schulmeister aufgerüttelt und beigesteckt» (in Arrest gesteckt) wird; «Mäuse, welche sich in einem bestimmten Umkreise des Hauses betreten liessen».

Wenn Salomon Landolt von sich sagt, «selbst die mehr heiteren Charakterzüge der Oheime seien in ihm vorhanden bis auf den Hang, die Wände zu beklecksen», dann sind den Wänden die Kleckse nicht etwa erspart geblieben, wie wir nach heutigem Sprachgebrauch meinen könnten. Vielmehr hat er als Bub gekleckst, da er die Charakterzüge bis hin zu diesem Hang geerbt hatte. Vielleicht wie die «Landleute, welche auf ihren gefundenen Sieg trotzten» – da könnte «protzen» anklingen, oder gar das niederländische «trots» (stolz). Also trotze ich auf meine Trouvaillen.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)