«Der Bund», 31. 10.  2014

Wo der Leerschlag ins Leere schlägt

«Die Schweiz (war) 1967 das Computer dichteste Land der Welt.» Man ahnt, was das bedeuten soll, und man zweifelt, ob es sich so sagen lässt. Beides zu Recht: Da der Satz prominent an einem Orte höchster Bildung steht, wollen wir gern glauben, dass es in der Schweiz 1967 gemessen an der Bevölkerung mehr «Elektronenhirne» gab, wie man damals auch sagte, als in jedem anderen Land. Aber dafür, die Formulierung zu verwerfen, gibt es gleich zwei gute Gründe, einen formalen und einen inhaltlichen.

Bild Uni-Eingang Bern Will man bei einem Adjektiv (wie «dicht») sagen, an welchem Ding die Eigenschaft gemessen wird, so muss man die beiden Wörter miteinander verbinden; die unverbundene Anreihung reicht nicht – also nicht «Computer dicht», sondern «computerdicht» oder «Computer-dicht». Aber auch so ist das Wort missverständlich. Es gibt viele Wörter mit «-dicht», die sich nicht auf die Dichte beziehen, sondern auf die Dichtigkeit, «wasserdicht» etwa. Dass die Schweiz damals Computer weder herein- noch herausgelassen habe, will uns die Uni Bern auf dem beleuchteten Schaubild in der Einganghalle wohl nicht weismachen.

Wer «das Computer dichteste Land» schrieb, ist in zahlreicher, wenn auch nicht guter Gesellschaft: Er folgt dem sprachlichen Trend, zu trennen, was zusammengehört. Bald auf je‍der zweiten Menukarte wird man Leckerbissen finden, die einem schon beim Lesen im Halse stecken bleiben sollten: Der «Wochen Hit» ist ein «Wild Pastetli», die «Stammbeiz Spezialität» eine «Kohl Roulade». Gern befreien auch Firmen ihren Namen oder ihre Marken von jeglichem Ballast, und sei es nur ein Bindestrich: «Supercard Vorteil». Wäre es ganz englisch, müsste man es für jene Sprache gelten lassen. Aber auf deutsch sind die «Cumulus-Vorteilscoupons» richtig (beides aus der jeweiligen Website).

Neben dem (Werbe-)Englischen ist die Reform der Rechtschreibung eine Quelle der Trennmanie. In vielen Fällen wurde damals tatsächlich verfügt, nur noch getrennt zu schreiben, was vorher zusammen richtig war, zum Beispiel «gut tun». Später wurde die Reform revidiert, und seither liegt man in den meisten dieser Fälle immer richtig: Man kann die Wortbestandteile trennen oder verbinden, auch bei «guttun». Aber das gilt nur für solche Reformprodukte oder Wörter, die schon vorher in beiderlei Form auftreten konnten. Es gilt dagegen nicht für all jene Wörter, die gar nie zerstückelt wurden – ausser von Leuten, die meinten, das gehöre sich nun so.

Die Verwirrung im Gefolge der Reform erzeugte Gebilde wie «das selber Musik machen». Die Fachstelle Sprachauskunft@compendio.ch stellte auf Anfrage aus dem Publikum klar, richtig sei als Substantiv nur «das Selbermusikmachen» oder «das Selber-Musik-Machen». Ausgewählte Antworten dieses Gratisdiensts werden jeweils im «Sprachspiegel» veröffentlicht.

Ein anderes Beispiel stand neulich als Titel in der «SonntagsZeitung» (die sich so schreibt, weil Eigennamen kein Gesetz kennen): «Probleme beim Wasser lösen». Da kann man an den Spengler denken, der Probleme beim Wasser löst. Gemeint war indessen die Ärztin, denn jemand hatte Probleme damit, Wasser zu lösen. In verbaler Form schreibt man das so, aber nach «beim» (also «bei dem») wird «lösen» zum Substantiv «Lösen». Der verbindet sich mit seinem Objekt, und es heisst «beim Wasserlösen». In der Rubrik «Schlagzeiten», die meist den Schnitzern der Konkurrenz gilt, gab sich das Blatt zwar selbstkritisch, aber mit der Ausrede, der Titel sei «dudenkonform» gewesen. Just das stimmt jedoch nur, wenn es ein Problem für den Sanitär war, nicht für die Sanität. Aber eben, wie es in einem Hörsaal der Uni steht, von Carlo Lischetti in Stein gemeisselt: STRENGEN DENKT AN.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)