«Der Bund», 19. 9.  2014

Wie viel sind Sie wert?

«Moore dürfte heute 50 Millionen Dollar wert sein.» Hoffentlich zucken Sie auch zusammen, wenn Sie in der Zeitung so einen Satz lesen. Empörung wallt hoch: Man darf doch einen Menschen nicht mit Geld aufwiegen! So etwas tun Sklavenhändler, und die darf es in der zivilisierten Welt nicht geben, denn gerade die Abschaffung des Sklavenhandels ist ein Meilenstein der Zivilisation!

Nun geht es in jenem Zeitungsartikel nicht um den Verkauf des Herrn Moore. Das wäre bei ihm besonders ironisch, denn es handelt sich um den Filmemacher Michael Moore, der sich mit Kritik am Kapitalismus profiliert hat. Gemeint ist just jenes Vermögen, das er damit angehäuft hat. Und «wert sein» ist aus dem Englischen übernommen, als durch und durch kapitalistische Formulierung. Jedenfalls in den USA denkt man an nichts anderers als den materiellen Besitz, wenn man von jemandem sagt, «he’s worth 50 million». Um die Neugier über den so verstandenen Dollarwert von Prominenten zu befriedigen, gibt es eigens die Website Celebritynetworth.com, auf die sich der Artikel beruft.

Nun kann man dieses Interesse als «typisch amerikanisch» abtun und sich über derartige Mammon-Anbetung erhaben fühlen. Wenn man sich weigert, «wert sein» in der finanziellen Bedeutung auf Menschen anzuwenden, dann ist das durchaus löblich. Aber es gibt in Europa ebenfalls genug Beispiele dafür, dass Menschen ein Geldwert zugeschrieben wird und dieser eine geschäftliche Bedeutung hat.

Dass ein guter Fussballer, der den Verein wechselt, Millionen «kosten» kann, ist eine Tatsache, und es wird oft auch so gesagt. Das Geld fliesst zwischen den «Besitzern» des Mannes bzw. seiner Spielberechtigung, was fast aufs Gleiche herauskommt. Vom Sklavenhandel unterscheidet sich diese – auch in anderen Sportarten vorkommende – Praxis nur dadurch, dass auch die Betroffenen nicht darben müssen und dass ihre eigene Meinung wenigstens indirekt mitzählt: Wer gegen seinen Willen «verkauft» wird, dürfte am neuen Ort unter seinem Wert spielen und damit für die Mannschaft weniger wert sein, als er «gekostet» hat.

Der Wert eines Menschen wird aber auch in Bereichen berechnet, die nicht im Ruch des Sklavenhandels stehen. Gerichte müssen regelmässig den sogenannten Versorgerschaden von Unfallopfern festlegen, wenn jemand haftbar ist und für den Betrag aufkommen muss, der den Abhängigen des Opfers finanziell verloren geht. In der Krankenversicherung spielen zunehmend ebenfalls Überlegungen eine Rolle, wie viel jedes Lebensjahr kosten darf, das jemand mutmasslich gewinnt, wenn er mit teuren Medikamenten behandelt wird.

Anders verhielte es sich, wenn Forschung für solche Arzneien öffentlich (und international) finanziert würde, statt von Firmen, die ihre Kosten wieder einbringen wollen – und möglichst viel darüber hinaus. Dann wäre das Dilemma zwar immer noch da, aber es würde nicht mehr Entscheide über einzelne Patienten bedeuten, sondern darüber, gegen welche Krankheit wie viel Forschungsgeld eingesetzt werden soll – ein lohnendes Feld für Lobbyisten.

Mit dem amerikanischen Gesundheitswesen hat sich Michael Moore auch schon befasst, im Film «Sicko». Was das für seinen «Nettowert» im Sinne der Promi-Website bedeutete, konnte man an den Kinokassen ermitteln. Der gesellschaftliche Wert seiner Arbeit bemisst sich wohl daran, ob und was sie zur Verbesserung der Verhältnisse beiträgt. Und vielleicht schreckt der Bericht über sein Vermögen ein bisschen davon ab, auf Deutsch einen Menschen so und so viel «wert sein» zu lassen.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)