«Der Bund», 22. 8.  2014

Lob des Versteher-Versteher-Verstehers

Einsam und allein war er etwa bis zur Jahrtausendwende: der Frauenversteher. Natürlich nicht der (hoffentlich) von Damen umschwärmte einzelne Vertreter dieses Männertypus, sondern der F. als Wort. Dann bekam er allmählich Gesellschaft, wie ein Blick in Textarchive zeigt; zuerst kam vielleicht der Männerversteher bzw. die -versteherin; es folgten Versteher (beliebigen Geschlechts) für Länder, deren Verhalten zu Rätselraten und/oder Abneigung Anlass gab, voran das Amerika George W. Bushs. Persönliche Bush-Versteher aber blieben, zumindest als Ausdruck, eine Rarität.

Nun jedoch hat Wladimir Putin, in dessen Seele Bush beim ersten Treffen Einblick gewonnen haben wollte, ganze Horden von Verstehern hinter sich geschart – jedenfalls wenn man dem Blätterwald glauben will sowie dessen Pendant im Internet, besonders den Leserkommentaren. Freilich bezeichnen sich kaum jene selber, die in der Ukraine-Krise Verständnis für Moskaus Politik zeigen, als Putin- oder Russland-Versteher. Das tun vielmehr andere, die eben für derlei Versteher wenig Verständnis haben.

Das Schicksal, vor allem ironisch erwähnt zu werden, teilen die neueren XY-Versteher mit ihrem Vorbild, dem Frauenversteher eben. Den hat der Duden, nach etwa einem Jahrzehnt der Prüfung, 2009 ins Wörterbuch der Rechtschreibung aufgenommen, als «Mann, der sich Frauen gegenüber sehr einfühlsam und verständnisvoll gibt». Ob er es auch ist, bleibt bei dieser Definition offen: Aufs Auftreten kommt es an. Oft schwingt, wenn von Verstehern die Rede ist, Kritik an ihrer angeblichen Nachsicht für Schwächen oder Verfehlungen der Verstandenen mit. «Alles verstehen heisst alles verzeihen», soll schon die geistreiche Madame de Staël gesagt haben.

Dementsprechend gehörten die Allesversteher zu den ersten Nachahmern der Frauenversteher. Sie sind zwar rar geblieben, aber nimmt man all die spezialisierten Versteher zusammen, so findet sich mittlerweile doch für fast alles und jedes jemand, der es versteht. Innert Monatsfrist sind in der Schweizer Presse neben Frauen, Putin und Russland auch noch zu ihren Verstehern gekommen: Kinder, Grüne, Spass (bzw. «Nicht-Spass»), die SVP, Science-Fiction, Volkswagen). Seit Jahresanfang hat die Verwendung des Worts in schon beinahe beliebiger Zusammensetzung rasant zugenommen.

Nicht immer werden die Versteher mit (bierernster oder ironischer) Kritik bedacht: Kindern oder sogar VWs gegenüber wird man ja wohl noch besonders einfühlsam sein dürfen. Frauen gegenüber natürlich auch; ihre Versteher aber könnten Neid erwecken, der sich dann in der abschätzigen oder zumindest zweifelnden Verwendung des Worts niederschlägt. Meistens indessen braucht man die Bezeichnung, wenn man findet, da bringe jemand mehr Verständnis auf, als der (oder die oder das) Verstandene verdient habe: Man schlägt den Sack und meint beide, den verstehenden Sack und den verstandenen Esel.

In dieser ironisch-kritisch-distanzierenden Verwendung könnte «Versteher» gelegentlich auch Eingang in Wörterbücher finden, mit dem Vermerk «in Zusammensetzungen». Wie schnell, dürfte davon abhängen, ob die Mode sich noch eine Weile hält und wie viel danach von ihr übrigbleibt. Originell ist es bereits nicht mehr, allem Möglichen und Unmöglichen einen Versteher anzudichten. Aber praktisch bleibt es dennoch, und noch praktischer wäre es, alle verstünden dasselbe darunter. Dann wäre gleich klar, ob mit V. nun ein Kundiger oder ein Naivling, ein Deuter oder ein Speichellecker gemeint ist. Aber genau das will zuweilen offenlassen, wer einen Versteher aufs Korn oder auf den Arm nimmt: Man hat ihn kritisiert, kann das aber bei Bedarf auch relativieren, also den Versteher-Versteher mimen. Und wer dafür Verständnis hat, ist ein Versteher-Versteher-Versteher.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)