«Der Bund», 25. 7.  2014

Wörter ohne Existenzangst

«Gibt’s nicht» gibt’s nicht. Das ist hier kein Aufruf, auch das scheinbar Unauffindbare zu suchen, sondern eine Behauptung über die Existenz bestimmter Wörter in der deutschen Sprache. Wer meint, es gebe nur jene Wörter, die im Duden stehen, der liegt falsch – nur schon deswegen, weil mit jeder Neuauflage viele Wörter dazukommen und einige verschwinden, ohne dass ihre Existenz just in jenem Moment begänne oder endete. Und auch deswegen, weil die deutsche Sprache praktisch beliebige Zusammensetzungen erlaubt, welche die Duden-Redaktion aber nur aufnimmt, wenn sie genügend geläufig oder aber schwierig genug zu buchstabieren sind.

Wer Scrabble, Boogle, Ruzzle oder andere Wörterspiele spielt, muss sich dennoch an den Duden halten, sonst zählt das Wort nicht. Und wer allgemeinverständlich reden oder schreiben will, muss die Wortwahl noch enger einschränken, als es der Duden tut. Anderseits kann man ohne Weiteres von der Mühsal des Nähers erzählen, der in Pakistan Fussbälle fertigt. Aber im Wörterspiel zählt der Genitiv «Nähers» nicht, und der Nominativ auch nur, weil er für das gesteigerte Adjektiv «näher» gehalten wird. Anderseits wird man nur dann sagen, der Näher dürfe während der Arbeit nicht mal aufs Tö, wenn man annehmen darf, das Publikum kenne diese im Duden vermerkte Bezeichnung des stillen Örtchens.

Besagter Näher steht eben nicht im Duden, offenbar weil er im deutschen Sprachgebiet so selten vorkommt; in manchen grösseren oder mehrsprachigen Wörterbüchern findet man ihn durchaus. Auch Christian Morgenstern liess ihn auftreten, im Gedicht «Die Nähe»: Der «kategorische Komparativ» hätte die Nähe auf Wunsch zum Näher gesteigert, doch wurde sie Näherin. Auch so entging sie der «Zehr», die ihren Leib ergriffen hatte, obwohl sie sonst nirgends vorkommt. Jedenfalls nicht so: Man findet sie im «Rheinischen Wörterbuch» (woerterbuchnetz.de), aber in der Bedeutung «Feier, Zeche, etwa bei der Bauhebe».

Das meinte Morgenstern gewiss nicht; vielmehr machte er von der dichterischen Freiheit Gebrauch, in den Vers ein passendes Wort einzufügen; man versteht die «Zehr» mühelos als Schwindsucht oder dergleichen. Und wenn man bei der Sinnsuche auf dem rheinischen Holzweg gelandet ist, lernt man nebenbei, dass das Richtfest dort Bauhebe heisst. Dieses Wort steht auch nicht im Duden, wohl aber «Aufrichte» mit dem Vermerk «schweizerisch». Regional gibt es eben durchaus Wörter, die nicht überall verstanden werden. So mussten wohl neulich viele «Bund»-Leser «bräsig» nachschlagen, wenn sie es in Peter Schneiders Kolumne verstehen wollten: «besonders norddeutsch für dickfellig», sagt der Duden, und online (duden.de) sagt er noch viel mehr dazu.

Es gibt auch regional gebräuchliche Wörter, die der Duden nicht aufführt. Sind sie schweizerisch, stehen sie vielleicht nur im Spezialduden «Schweizerhochdeutsch», wie etwa «Cüpli». Hier zeugt «-li» von der Einbürgerung. Bei Wörtern aus andern Sprachen soll man sich durchaus den Kopf darüber zerbrechen, ob sie in der jeweiligen Verwendung nötig sind – aber nicht darüber, ob es sie im Deutschen gebe. Stehen sie (noch) nicht im Duden, dann hat man eben kurz in eine andere Sprache gewechselt und angenommen, das Gegenüber verstehe dies. Code-Switching nennen das Sprachwissenschafter, indem sie es eben praktizieren.

Auch wer kurz in die Zeichensprache wechselt und Anführungszeichen in die Luft malt, tut es, ohne des Verstosses wider den Duden geziehen zu werden. Es gibt aber auch deutsche Wörter mit fraglicher Existenz. So eins ist «jedwelche» anstelle von «jedwede». Es ist so oft in (Schweizer) Zeitungen zu finden, dass es vielleicht dereinst doch in den Duden kommt. Dort steht schon «bestmöglichst», wenn auch mit dem Vermerk «falsch». Was das Wort nicht daran hindert, sogar noch häufiger in den Gazetten zu stehen als «jedwelche».

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)