«Der Bund», 20. 6. 2014

Kleider machen Menschen

«Kleider machen Leute» – so war es bei Gottfried Keller und dann noch eine Weile lang, aber jetzt scheinen die Leute auszusterben. Leute, die noch «Leute» sagen, machen sich der Menschenverachtung verdächtig. Das weiss auch Martin Schulz, der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der kürzlich abgehaltenen EU-Parlamentswahl: «Schulz sagt nicht ‹Leute›, sondern ‹Menschen›, weil das gefühlig humanistisch tönt.» So war es im «Bund» zu lesen, wobei offen blieb, ob die Begründung wirklich von Schulz stammt oder aber vom Journalisten. Vielleicht sagt Schulz ja auch einfach deshalb «Menschen», weil fast alle Leute das tun.

Jedenfalls liest man auch etwa: «Gesundheitskosten: Jeden vierten Franken zahlen die Menschen selber», oder über Peter Spuhler, «dass ihn selbst im Thurgau die Menschen manchmal als ‹Herr Stadler› ansprechen», nach dem Namen seiner Firma. In diesen Fällen dürfte humanistische Gefühligkeit bei der Wortwahl keine Rolle gespielt haben, und auch der Bedarf nach einem geschlechtsneutralen Wort wäre mit «Leute» besser gedeckt als mit «Mensch», in dem letztlich «Mann» steckt.

«Leute sind doch bessre Menschen», schrieb der Politikwissenschafter Dolf Sternberger schon 1967 – ausgerechnet im «Wörterbuch des Unmenschen», in das für ihn auch die «Menschen» gehören. Dieses Wörterbuch ist ein umstrittenes Stück deutsche Vergangenheitsbewältigung und richtet sich vornehmlich gegen den Sprachgebrauch der Nationalsozialisten, aber nicht in den offensichtlich unmenschlichen Formen wie «Endlösung» für Massenmord oder «Rassenschande» für unter den Nazis verpönte Liebschaften.

Vielmehr behandelt das «Wörterbuch des Unmenschen» unauffällige Wörter wie «betreuen» oder «Anliegen», in denen Sternberger (wie seine Mitautoren) ein Menschenbild der Unselbständigkeit verkörpert sah. Und eben auch im Wort «Mensch» selber: «‹Menschen› sind auch gefühlvoll aufgewertete ‹kleine Leute›, zugleich Produkte und Objekte organisierter Menschlichkeit. Diese öffentliche Innigkeit ist gerade das Gegenteil von Achtung vor der Menschenwürde (...). Dahin ist es gekommen, dass gerade das Wort ‹Menschen› Abhängige und Unfreie bezeichnet.» Dagegen: «Leute sind unseresgleichen. Sie lassen sich nicht so gern betreuen und verwalten.»

Sternberger hätte noch ein weiteres Argument anführen können: «Leute» ist von einer Bezeichnung für «freie Menschen» abgeleitet. Nur denkt heute kaum jemand daran, wenn er das Wort benutzt, und bei «Menschen» ebenso wenig daran, dass er damit laut dem «Wörterbuch des Unmenschen» sogar «Abhängigkeit und Unfreiheit fördert». Es ist ja auch fraglich, ob das zutrifft. Allerdings könnte man schon sagen, Menschen, die nur einen Viertel der Gesundheitskosten selber bezahlten, seien unfrei, und manche Thurgauer seien von «Herrn Stadler» abhängig.

Bei einer gediegenen Schweizer Zeitung soll es einmal die Hausregel gegeben haben, nur dann von «Menschen» zu schreiben, wenn es um die Unterscheidung von den Tieren gehe, und sonst «Leute». Heute ist aber auch dort bei der Lektüre nichts davon zu merken. Wahrscheinlich schrieb man schon in der guten alten Zeit, wenn doch es einmal einen Unfall gab, es seien drei Menschen verletzt worden, statt mitleidlos «Leute». Nicht umsonst hat das Sammelwort keine Einzahl: Es eignet sich nicht für Individuen, sondern eben für eine Mehrzahl, in der die individuellen Unterschiede im Moment keine Rolle spielen. Also zum Beispiel Patienten, wenn die Verteilung der Durchschnittskosten berechnet wird, oder Thurgauer, wenn ihnen «Herr Stadler» entschlüpft. Das sind dann alles, um Gottfried Keller zu modernisieren, «Menschen von Seldwyla».

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)