«Der Bund», 6. 6. 2014

Mit Englisch in die Sprachlosigkeit?

Er sieht Schlimmes kommen: «eine Selbst-Barbarisierung der Sprachen Europas, die durch die Teilnahme an der Sprache der Weltkultur scheinbar kompensiert wird». Die übermächtige «Sprache der Weltkultur» ist Englisch, oder genauer «Globalesisch», wie der Autor Jürgen Trabant sie nennt: ein blosses Kommunikationsmittel, das viele schlecht beherrschen und wenige gut. Noch ist der Einheitsbrei nicht unvermeidlich, sonst hätte der emeritierte Berliner Romanistik-Professor sein Buch nicht geschrieben: «Globalesisch oder was? Ein Plädoyer für Europas Sprachen» (C. H. Beck, 2014).

Gegen eine globale Verkehrssprache hat Trabant nichts, und dass keine andere als Englisch in Frage kommt, sieht er ein. Ihn stört aber, dass damit die angelsächsische Dominanz in der Wissenschaft und im Geschäftsleben noch verstärkt wird, und vor allem, dass andere Kultursprachen zunehmend darunter leiden: Auf Gebieten, in denen sie weniger verwendet werden, verlieren sie ihre Ausdruckskraft, und für Anderssprachige schwindet der Anreiz, sie zu lernen. Zwar können sich alle auf Englisch verständigen, aber damit ist für den Autor kein vertieftes gegenseitiges Verständnis möglich, wie es den Bildungseffekt des Sprachenlernens ausmacht.

Trabant steht in einer Tradition, die in der Sprache mehr sieht als ein blosses Kommunikationsmittel, das die Welt und die menschlichen Gedanken darüber möglichst präzise abbilden soll. Er zeichnet auch die Gegentradition nach, die auf Aristoteles zurückgeht und das Ideal einer Universalsprache anstrebt. Die babylonische Sprachverwirrung ist in dieser Sicht eine Art Erbsünde, und manche heutigen Autoren feiern den Siegeszug des Englischen als die Erlösung davon.

Während für gebildete alte Römer das Griechische das reinste Abbild des Denkens darstellte, war im europäischen Mittelalter Latein die unbestrittene Trägerin des Wissens. Die modernen Idiome Europas mussten in der Neuzeit erst zu vollwertigen, auch für Wissenschaft und Recht brauchbaren Sprachen ausgebaut werden. Damit wurden – ebenfalls für den gegenseitigen Austausch – verschiedene «Weltansichten» erschlossen, wie Wilhelm von Humboldt sie nannte und auch Trabant sie sieht: Sprache nicht nur als Kommunikations-, sondern auch als Denkwerkzeug.

«Wenn eine Sprache verschwindet, so verschwindet nicht die Möglichkeit, über die Welt alles sagen zu können, das kann jede Sprache. Es verschwindet aber die Möglichkeit, es auf diese je besondere Weise zu denken und zu sagen. Und darin liegt ihr Reichtum.» Der Autor sieht zwar für Deutsch und andere nichtenglische Kultursprachen nicht gerade das Verschwinden voraus, wohl aber das Absinken in den Rang einer «Vernakularsprache» (für den volkstümlichen Hausgebrauch), wie einst hinter dem Latein. Sein Gegenrezept ist die Pflege einer Mehrsprachigkeit, die sich nicht im Englischlernen erschöpft, sondern mindestens eine weitere Fremdsprache umfasst. Wer dazu imstande ist, soll Letztere sogar besser lernen als das «Globalesische» – eben für Kultur, nicht nur Kommunikation.

Nun ist zwar Dreisprachigkeit auch das offizielle Ziel der EU-Bildungspolitik, und amtlich ist die Union vielsprachig. Aber im Schulalltag wie auch im Brüsseler Büroalltag tut man sich schwer damit, übers Englische hinauszukommen; in der Schweiz hat ja die Pflege der Landessprachen ebenfalls einen zunehmend schweren Stand. Auch wer Jürgen Trabants Kulturpessimismus nicht teilt, tut gut daran, ihn als Mahnung zu beherzigen. Etwa jene vor den Kosten des Englisch-Siegeszugs, wie er sie schildert: Die neue Sprache «zerstört geschichtliche Zusammenhänge, stösst kulturelle Hochleistungen ins Vergessen, kündigt gesellschaftliche Solidaritäten auf und verschärft soziale Spannungen».

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)