«Der Bund», 9. 5. 2014

Schimpfwörter aus dem Geschichtsbuch

«Wer ihnen kritische Fragen stellt, fühlt sich schnell in die Naziecke gestellt.» So empfand es eine – durchaus wohlwollende – Journalistin beim Besuch in einem Protestlager von Jenischen. Und als die Berner Polizei ein solches Lager räumte, zitierte eine andere Zeitung den Sprecher der Jenischen, die für Standplätze demonstrieren, so: «Sie waren wie die Gestapo.» Wahrscheinlich weiss der Mann, dass die Geheime Staatspolizei sehr viel schlimmer wütete, während in Deutschland die Nationalsozialisten herrschten. Jenische erinnern oft daran, dass auch sie damals zu den Opfern gehörten, und möglicherweise zielte der aktuelle Vergleich darauf, dass in Bern Festgenommene nummeriert wurden (mit Armbändern oder gemäss Fotos mit Filzstift auf dem Handrücken).

Zahlen auf Haut erinnern tatsächlich fatal an Tätowierungen Gefangener in deutschen KZs (Konzentrations- bzw. Vernichtungslagern). Wer die Erinnerung mit Worten wachruft, die heutige «Täter» in die Nähe der Nazis rücken, tut indessen nicht nur der Berner Polizei unrecht, sondern auch den Nazi-Opfern: Ihre Leiden waren unvergleichlich schlimmer und dürfen nicht verharmlost werden, indem heute aus weit geringerem Anlass Vergleiche mit den Nazis gezogen werden. Beim Jenischen-Sprecher mag noch die Erregung des Augenblicks eine Rolle gespielt haben; nicht selten aber wird auch in aller Ruhe die Nazi-Keule hervorgeholt, um politisch Missliebige zu bekämpfen.

Im «Bund» war neulich unter dem Titel «Wahlkampf mit brauner Propaganda» zu lesen, wie die britische Unabhängigkeitspartei Ukip gegen Einwanderer Stimmung macht – unappetitlich zwar, aber weit entfernt von der tödlichen Hetze der Nazi-Braunhemden, wie die «Sturmabteilung» (SA) und andere Parteiorganisationen wegen ihrer Uniformen genannt wurden. Auch wer nach dem Motto «Wehret den Anfängen!» Parallelen zieht, sollte darauf achten, nicht durch Gleichsetzung das «Original» zu verharmlosen und dadurch die Erinnerung, die er wachhalten will, letztlich abzuschwächen.

Knapp an der Gleichsetzung vorbeigeschrammt ist neulich die NZZ mit dem Titel «Wladimir Putins braune Lehrmeister», unter dem ein ehemaliger Auslandredaktor das Vorgehen Russlands in seiner westlichen Nachbarschaft mit jenem Deutschlands im Osten vor dem Zweiten Weltkrieg verglich, ebenso die Reaktionen damals und heute. Ähnlichkeiten gibt es, auch wenn Hitler ein «Neues Europa» anstrebte und dafür zum Krieg rüstete, während Putin «nur» – aber schlimm genug – ein grösseres «Neurussland» aufleben lässt. Seinerzeit bekamen jene im Westen unrecht, die nicht «mourir pour Dantzig» wollten, wie es in einem französischen Zeitungstitel von 1939 hiess. Das bedeutet aber nicht, dass heute die Friedenssicherung die Bereitschaft erfordert, für Donezk zu sterben.

Es ist mit der Geschichte wie mit der Sprache: Sie gut zu kennen und bedachtsam damit umzugehen, ist wesentlich für das das Zusammenleben. Das gilt im Familienkreis ebenso wie in der kleinen oder grossen Politik. Freilich ist auch zutreffende Geschichtsschreibung kein Friedensgarant, etwa dann nicht, wenn eine Seite gewaltsam einen früheren Zustand wiederherstellen will. Häufig aber wird mit Geschichtsklitterung oder mit sprachlicher Manipulation neues Unheil gestiftet.

Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ist nach wie vor ein sprachliches Minenfeld. Da erhält auch ein Wort wie «Bio-Deutsche» einen unguten Beigeschmack. Der grüne Politiker Cem Özdemir prägte es nicht etwa für auf natürlichem Weg Gezeugte. Er meinte Alteingesessene und nahm damit ihren Anspruch aufs Korn, so etwas wie die Leitkultur (im Schulwesen) zu verkörpern. Aber im modischen Ausdruck schwingt auch der – in den meisten Fällen übertriebene – Vorwurf des alt-neuen Rassenwahns mit.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)