«Der Bund», 25. 4. 2014

Familienausflug mit dem Gegenschwäher

Was wäre das «Fähnlein der sieben Aufrechten» ohne die Gegenschwäher? Nur noch ein Grüpplein von fünf Nebenfiguren, denn in Gottfried Kellers Novelle geht es darum, ob die beiden Seniorhelden Hediger und Frymann wider Willen zu Gegenschwähern werden, und hinter dieser Frage versteckt sich der Konflikt zwischen Freisinn und Geldsinn. Keller lässt den Freisinn gewinnen, indem ein turbulentes Schützenfest den Bund zwischen Hermine und Karl besiegelt und damit ihre Väter zu Gegenschwähern macht.

Damit dürfte klar geworden sein, wen der Erzähler mit «Gegenschwäher» meint: den Schwiegervater des eigenen Kindes. Das Wort ist selbst in der modernisierten Form «Gegenschwager» kaum noch geläufig. Das «Deutsche Wörterbuch» der Gebrüder Grimm (und ihrer Nachfolger) führt beide Formen an, und dazu noch die «Gegenschwiegerin»; der entsprechende Band ist 1897 erschienen. Der heutige Grosse Duden kennt noch die «Gegenschwiegereltern»; in kleineren aktuellen Wörterbüchern sucht man vergeblich nach einem Wort für diesen erheirateten Verwandtschaftsgrad.

Auch bei anderen Verwandtschaftsbezeichnungen ist das heutige Deutsch vergleichsweise arm bestückt; möglicherweise deshalb, weil Genauigkeit ist Familiensachen keine besondere Bedeutung mehr hat. Namentlich fehlen uns Unterscheidungen dafür, ob ich jemanden aus der mütterlichen oder der väterlichen Verwandtschaft meine, wenn ich von einer Tante oder von einem Cousin rede. Das Lateinische kannte da eine reiche Vielfalt. Der sprachliche Urahn unseres «Onkels» etwa, der «avunculus», ist immer ein Bruder der Mutter, während der Onkel väterlicherseits «patruus» heisst.

Immerhin waren mit unserem «Oheim» und der «Muhme» gemäss Grimm ursprünglich Geschwister der Mutter gemeint, bevor sie zu Synonymen für beiderlei Onkel und Tanten wurden. Ihre Gegenstücke väterlicherseits waren «Vetter» und «Base»; hier ist die Bedeutung nicht nur ausgeweitet, sondern um eine Generation verschoben worden: Es sind nicht mehr Elterngeschwister gemeint, sondern deren Kinder. Zwischen Schwertmagen und Kunkelmagen wird also nicht mehr unterschieden. Wie bitte? Diese mittelalterlichen Bezeichnungen entsprechen in der Ahnenforschung den Agnaten und den Kognaten. Aha? Agnaten sind verwandte väterlicherseits (Schwert!), Kognaten mütterlicherseits; Kunkel bedeutet Spindel, Mage bedeutet Verwandter.

Wer sich in Verwandtschaftsgrade vertieft, dem schwirrt bald einmal der Kopf – nur schon auf Deutsch, und erst recht in anderen Sprachen. Das Internet-Lexikon Wikipedia bietet reiches Material («Verwandtschaftsbeziehungen» und Verweise dort). So erfährt man, dass nach dem System des Amerikaners George Murdock die heutigen deutschen Verwandtschaftsbezeichnungen dem Eskimotyp entsprechen, indem sie nicht nach Mutters und Vaters Seite unterscheiden. Noch einfacher ist der Hawaiityp. Verschiedene Zwischenstufen hat der Ethnologe nach Indianervölkern benannt, und die reichste Vielfalt sieht er im Sudantyp. Viele afrikanische Sprachen sollen Verwandtschaftsgrade kennen, von deren Raffinement wir nur träumen können.

Auch die heutigen romanischen Sprachen haben die differenzierten Bezeichnungen der alten Römer stark vereinfacht. Auf Lateinisch gibt es natürlich auch den Gegenschwäher: «consocer». Das Online-Wörterbuch Wiktionary nennt das italienische «consuocero» und mehrere Pendants, ebenso weibliche als Übersetzungen von «co-mother-in-law» – sie dürften allesamt «ungebräuchlich» sein, wie das englische Wort. Weltweit sind rund zwanzig Entsprechungen aufgeführt. Darunter die hebräische, die als «Mechuten» auch ins Jiddische und damit in die sprachliche Nähe zum Deutschen geraten ist.

© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)