«Der Bund», 19.2.10

Höhenflüge aus dem Korrektorat

Doch, sie haben ein dickes Lob verdient, die guten Geister und guten Seelen, die sich tag­täglich in der Korrekturklause abmühen, dem Druckfehlerteufel beim «Bund» und anderen Zeitungen das Handwerk zu legen. «Druckfehler» sind und waren es freilich nie, welche unsere Texte verunstalten, ausser wenn sich etwa ein Falz schräg über die Seite zieht oder bei der Druckerschwärze das richtige Mass fehlt. Sonst aber haben früher die Setzer etwas falsch gesetzt, und heute sinds die Schreibenden, deren Werke elektronisch in die Zeitung fliessen – selten in der Eile direkt, in aller Regel immer noch via Korrektorat.

Der Verdacht, dieses sei abgeschafft worden, schleicht sich bei der Lektüre da und dort ein. Doch dem ist nicht so, auch wenn der Spar- und damit Zeitdruck beim Korrigieren ebenfalls schmerzhaft zu spüren ist. Indessen sei es hier verraten: Ohne das segensrei­che Walten des Korrektorats sähe alles noch viel schlimmer aus. Denn hier sind Leute mit Liebe zur Sprache am Werk, und sie trotzen standhaft der Gefahr, vor lauter Blättern den Wald nicht mehr zu sehen.

Meister ihres Fachs schaffen es, der Sprache auch sichtbar mit eigenen Werken zu die­nen. So hat jetzt Peter Heisch, pensionierter Chefkorrektor der «Schaffhauser Nachrich­ten», seine «Worthülsenfrüchte» als Buch vorgelegt. Die meisten dieser 83 Sprachglossen sind zuvor im «Sprachspiegel» erschienen, der Zeitschrift des Schweizerischen Vereins für die deutsche Sprache. Den Titel verdankt das Werk gewissen Behörden oder Firmen, deren aufgeblasenem Deutsch der Autor «den diskreten Charme des Blähungen verursa­chenden Breis aus Worthülsenfrüchten» attestiert.

So nimmt er sich mit sanfter Ironie diverser Sprachtäter an, selbstverständlich im Genitiv, den er bei manchen schmerzlich vermisst. Doch nicht nur Fehler haben es ihm angetan: Mit Vorliebe spürt er den Wörtern nach, ihrer Herkunft, ihren Bedeutungen und Zusam­menhängen. Seine geistreichen Betrachtungen gelten bald Körperteilen wie dem Daumen oder der Nase, bald Alltäglichem wie dem Geld oder dem Tuch oder auch vermeintlichen Monstern wie dem Erdgeschoss oder dem Schmetterling (die er beide vom Vorwurf frei­spricht, Gewalt zu enthalten).

Seine Berufskollegen ermahnt Heisch, nicht kleinlich wie ein «töricht selbstgefälliger Lek­tor» zu amten, also nicht etwa auf angeblichen Unterschieden zwischen «selbst» und «sel­ber» zu beharren. Bescheiden nennt er «Schadensbegrenzung das Kernstück der Korrek­torentätigkeit» – auszuüben «ohne vermessenen Anspruch auf absolute Vollkommenheit, die nicht hin und wieder von jenen kleinen Unzulänglichkeiten gezeichnet wäre, welche man sonst gerne grosszügig als menschlich bezeichnet».

Statt gewählt, wie sonst bei Heisch zumeist, klingt dies eher gewunden, und obendrein steht im Original verwirrlich «wären» statt «wäre». Es ist leider bei Weitem nicht die einzi­ge Stelle, an welcher der falsch benamste Druckfehlerteufel zugeschlagen hat. Fast könn­te man meinen, der fachlich äusserst beschlagene Autor habe die Findigkeit seiner Leser­schaft auf die Probe stellen wollen.

Peter Heisch: Worthülsenfrüchte. Friedrich Reinhardt Verlag, Basel 2009. 232 Seiten, Fr. 38.-

© Daniel Goldstein