Sprachspiegel-Buchtipp, Okt. 2013

Sprachlich verwaist?

Deutsches Vaterland ohne linguistische Mutterliebe

Karl-Heinz Göttert: Abschied von Mutter Sprache. Deutsch in Zeiten der Globalisierung. Fischer, Frankfurt 2013. 368 S., ca. Fr. 36.-

Der Buchtitel ist gleich doppelt provokant: Nicht nur wegen seiner Aussage, sondern auch, weil er jenen des «Nazigermanisten» Georg Schmidt-Rohr paraphrasiert: «Mutter Sprache. Vom Amt der Sprache bei der Volkwerdung» (1933). Der emeritierte Kölner Professor Karl-Heinz Göttert erteilt jeglicher Form von Sprachnationalismus eine scharfe Absage: «Die biologistische Auffassung einer Verbindung von Vaterland und Muttersprache als Vater Land und Mutter Sprache ist hoffnungslos veraltet.»

Er rückt, zuweilen mit polemischem Eifer, all jene in die Nähe eines solchen Nationalismus, die politisch und publizistisch gegen vermeintliche Bedrohungen der deutschen Sprache auftreten, etwa gegen den zunehmenden Gebrauch englischer Wörter oder den Rückgang des Deutschen in den EU-Institutionen sowie in wissenschaftlichen Publikationen und manchen Hochschullehrgängen im eigenen Land. Der Autor stellt die «Anglizismen» in eine lange Tradition der Anleihen bei anderen Sprachen und relativiert ihr Gewicht im heutigen Deutsch anhand von Wortzählungen – die freilich nur einen Durchschnitt abbilden, während die Sprachkritik meist bei der Ballung englischer Wörter in Kommerz und Unternehmensführung ansetzt.

Für EU, Wirtschaft und Wissenschaft – über die Göttert etwas ermüdend anhand seiner eigenen Teilnahme an Podiumsgesprächen referiert – akzeptiert er die englischsprachige Internationalisierung. Dennoch plädiert er «für die Verteidigung der Vielsprachigkeit in Europa. Es geht nicht um schwer beweisbare Vermutungen über den ‹Mehrwert› jeder Sprache oder die Verteidigung eines in Sprache geronnenen ‹Denkens›, aber es geht auch nicht um die Vielfalt als solche. Entscheidend sind die Speicher des Wissens.» Dieses entwickle sich nach wie vor im nationalen Kontext und sei durch den Gebrauch der dazugehörigen Sprachen lebendig zu halten.

Für den internationalen Austausch führt laut dem Autor kein Weg am Englischen vorbei, auch nicht der Weg über ein vereinfachtes und standardisiertes «Globish». Verlockend wäre dieser Ansatz auch für ihn, um den Ansprüchen an eine Lingua franca zu genügen und die Englischsprachigen gerechterweise ebenfalls zum Lernen zu zwingen, damit sie sich im internationalen Verkehr an die neue Norm halten. Nur realistisch scheint ihm das nicht – vielmehr solle Grossbritannien seinen Vorteil durch erhöhte Zahlungen ans Übersetzungswesen in der EU kompensieren. Realistisch ist auch das kaum.

Es bleibt die Lernanstrengung der Leute anderer Muttersprache, jeweils im Kontext ihrer beruflichen Notwendigkeiten und nicht auf Kosten der eigenen Sprache, auch nicht auf Kosten anderer Landes- oder Nachbarsprachen. Die Fixierung auf eine Nationalsprache hält Göttert für eine historische Anomalie, aber auch die Aufgabe der Nationalsprachen zugunsten des Englischen wäre es: «Einsprachigkeit hat es in der Menschheitsgeschichte kaum je gegeben.» Beidem hält er entgegen: «Nicht die Lingua franca ist ein überzeugendes Bekenntnis zu Europa, sondern die dritte Fremdsprache.» Er wünscht sich «die Rückkehr zu Goethes Überzeugung, dass Sprachen gleichgültig, weil gleich gültig sind».

Etwas zu viel Gleichgültigkeit hat der Verlag gegenüber Fehlern walten lassen: Der Rezensent hat, ohne zu suchen, je etwa ein halbes Dutzend Kommafehler und falsch geschriebene Namen gefunden, dazu etliche verunglückte Konstruktionen.

© Daniel Goldstein (Sprachspiegel)